Der Kaffee ist fertig...

Text: Christian Grass

Picture-Telling: Bruno Roeder


 

Er kennt das Geschäft, „Antiquitäten Süden" in der Altstadt gut. Der Name entlockt ihm stets Gedanken an die Provence, Erinnerungen an die Aeolischen Inseln und an Chalkidiki. Beim Blick durch das grosse Schaufenster hofft er Porzellantassen in pastelligen Farben zu finden oder geschwungene Tabletts aus Holz und mit bemalten Blumenmotiven darauf. Was er heute jedoch darin entdeckt lässt ihn innehalten, für Minuten verharren, um dem inneren Film zuzuschauen, der sich ihm abspult: Einen alten Kaffeefilter aus weisser Keramik. Der Melitta-Schriftzug ist als Relief-Gravur in der Keramik sichtbar.

 

Er steht vor dem Fenster, während Menschen um ihn herum an diesem sonnigen Vormittag Platz in kleinen Strassencafés suchen, um dort Latte Macchiato, Espressi oder Capuccini zu ordern. Er sieht vor seinem geistigen Auge seine Mutter, die an vielen Sonntagmorgen das Familien-Frühstück zubereitet hatte mit selbstgemachten Marmeladen, ofenwarmem Brot, Bananen und Heidelbeeren – und frisch gebrühtem Kaffee. Auch sie hatte ihn, diesen Keramikfilter der Melitta Bentz aus Dresden. Und nutzte sie nicht auch jene nostalgische weisse Filtertüte, in die sie mit einem langstieligen, silbrigen Kaffeelöffel den frisch gemahlenen Kaffee einfüllte? „Eins-zwei-drei-vier…Löffel - für uns alle vier", zählte sie. Der Wasserkessel hatte indes laut gepfiffen und wurde vom Herd genommen, das brodelnd heisse Wasser wurde von Mama in kleinen Schlucken vorsichtig in die Filtertüte gegossen. Ein betörender Duft breitete sich rasch von der Küche in das Wohnzimmer aus, ein Duft, der in Kindern und Erwachsenen Gefühle von Freude, Harmonie und höchstem Genuss weckte. Den frisch gebrühten Kaffee hatte die Mutter dann in eine geschwungene Porzellankanne umgegossen, weiss mit grünem Weinlaub verziert. Daran mag er sich auch erinnern.

 

„Der Kaffee ist fertig!" Wohl tausende Male hatte er als Jugendlicher diesen Satz vernommen. Der erste Schluck heiss dampfenden Kaffees dann glich einem Crescendo schönster Gefühle, die sich von seiner Mundhöhle in den gesamten Körper ausbreiteten.

 

Er steht noch immer von dem Schaufenster der „Antiquitäten Süden", er blickt auf den Keramikfilter und erinnert sich dabei auch an die Geschichte von Melitta Bentz, die ihn als Kind beeindruckt hatte: Die Dame war einst sehr innovativ. Im Jahre 1908 hatte sie die Idee, einen Filtertopf samt passenden, kreisrunden Filtrierpapier-Scheiben anzubieten. Dazu experimentierte sie vorab lange mit einer durchlöcherten Konservendose und ausgeschnittenem Löschpapier. So begann bei Melitta alles, was heute ein höchst professionelles Unternehmen für Kaffeegenuss auszeichnet. Er muss lächeln und bewundert diesen Unternehmergeist zugleich.

 

Unser aller Kaffeegenuss hat sich in jenen 110 Jahren seit der Erfindung der Filtertüte und des Kaffeefilters durch Melitta verändert. Oh ja, Sie haben recht, natürlich auch die Technologie, um unseren Kaffee heute auf maximalen Genuss zu trimmen. Und natürlich auch die Situationen, in denen wir Kaffee trinken: Wie oft begegnen uns Mädchen oder Managerinnen auf der Strasse, die mit einem „Coffee-to-go" - Becher in die Schule oder zum nächsten Termin eilen. Wie oft stehen wir in Unternehmen, ob als Besucher oder Arbeitnehmer, verblüfft vor gigantischen Vollautomaten oder kleineren Maschinen mit grün-blinkenden Schlitzen für zig verschiedene Kaffeepads. Technik ist zu Höchstform aufgefahren, wenn es um unseren ersehnten Kaffeegenuss geht.

 

Er selbst zieht es vor, sich in ein kleines, romantisches oder hochmodernes Café zu setzen, entweder an einem Marktplatz gelegen, in einer Avenida oder in einer Rue oder in einer belebten Via soundso in Rom, Taormina oder Rapallo. Dann blickt er mit offenen Sinnen um sich, auf Männer, Frauen, auf Arbeiter, neugierige Touristen, auf weisshaarige Grossmütter mit Babys im Kinderwagen. Alle haben sie hier eine kurze Pause eingelegt, um zuzusehen, wie der Barmann an einer monströsen Apparatur aus blinkendem Chrom und mit verschieden langen Hähnen, an denen der Mann hinter dem Tresen geschickt hantiert, ihnen den Kaffee zubereitet. In kleinen Tassen, in Gläsern, in Boules, mit Milch, ohne Milch, mit Milchschaum und vielleicht noch mit Schokoraspeln obenauf? Dann das Zischen. Dieses eigenwillige Geräusch von Dampf und Druck, das uns vermuten lässt, dass wirklich mit Hochdruck an der Perfektion eines betörenden und belebenden Kaffees für uns gearbeitet wird. Und schliesslich der dünne Strahl frisch gebrühten Kaffees, der in die Tasse träufelt und uns zu neuen Lebensgeistern erwecken wird, der uns mit der Zunge genüsslich den Milchschaum auf den Lippen fortlecken lässt.

 

Wie wir, wann wir, wo wir Kaffee auch immer trinken um uns zu erfrischen, um für Minuten das Gefühl wärmender Geborgenheit zu spüren, um aufzutauchen aus dem Alltag, um uns jener kleinen Freude hinzugeben, heissen, duftenden, aromatischen Kaffee zu riechen und zu schmecken, ist auch für Melitta unbedeutend. Kaffeegenuss, aus welcher Maschine auch immer gebrüht, ob aus topmodernen Vollautomaten oder aus traditionellen Filtergeräten, ist eine Entscheidung, die jeder Mensch für sich selbst treffen sollte. Für jeden von uns muss einfach nur stimmen wie und wo wir uns die schönsten Pausen des Tages mit unseren auf verschiedenste Weise gemahlenen Kaffeebohnen, versüssen.