Wer ist Arona?

Während in der Transformation zur Digital-Gesellschaft die Technologie zum Götzen erkoren wird und der Mensch und Konsument in Marketing und Werbung ins Vergessen gerät, passieren durchaus noch komische Dinge: Ein Herr, möglicherweise Ihr Konsument, fragt bis heute: „Wer ist Arona?“ Eine Geschichte, die verrät zu was so genannte Werbung heute wirklich fähig ist…

 

Er ist ein Alltagsmensch. Einer, der schnell durch die Strassen läuft, um nichts im Leben zu verpassen. Einer, der zwischen Konsum, Kohle und Cyberspace hin und her schwirrt, der zehn Gedanken gleichzeitig denkt und immerzu vielbeschäftigt ist, deshalb wenig Zeit hat und fest daran glaubt, sehr viel erreichen zu müssen, um intensiv zu leben bevor ihn der Tod ereilt. Er joggt an Plakatwänden vorbei. Er chattet in Ernährungsforen. Er fährt Bus. Er hetzt über Bahnhöfe. Kurz, - er verbringt das materielle Leben in der analogen und digitalen Öffentlichkeit, umwölkt von schweren Konsumschwaden und gefangen in einer 24-stündigen Dauerwerbesendung. Sein Gehirn kann Informationen nicht mehr systematisch, also sequentiell verarbeiten, alle Konsuminformationen werden fortan parallel aufgenommen, vom Unterbewusstsein gefiltert, aussortiert und rasch mit jenen Informationen verglichen, über die er sich schon längst eine Meinung gebildet hat. Marken bedeuten ihm im Grunde nichts mehr, - eh alles dasselbe, - nur jeweils anders designt oder dargeboten. Das eigene Denken hat dieser Alltags-Mann schon vor gut fünf Jahren endgültig aufgegeben, ihm genügt die Meinung sämtlicher Influencer. Und von dieser gekauften und gefakten Spezies, die sich fortwährend klont, gibt es ja ausreichend seit geraumer Zeit.

 

Er, Herr Alltagskonsument, leidet seit drei Tagen. Stark. Er kann sich nur noch schlecht auf seine visionären Karrieregedanken in seinen nichtssagenden Geschäftsmeetings konzentrieren, er kann kaum noch schlafen und gestern drohte er nach der Morgendusche seiner Frau und den fünf Kindern mit Selbstmord, wenn er nicht ganz schnell herausfinden würde, wer „Arona“ sei?

 

Diese Geschichte sollte, der Fairness halber, so ergänzt werden: Herr Alltagskonsument sah aus dem Bus heraus ein Plakat mit viel „Rot“. Beim Anfahren dessen las er in der letzten Sekunde vor dem Wegtauchen

„Der neue Arona…“.

 

Er entdeckte das Plakat dann wenig später wieder, als er nämlich mit seinem Kollegen am überfüllten Bahnhof um die Wette joggte, um seine neuen Laufschuhe aus Korea auszuführen. Im rasanten Lauf erkannte er flüchtig ein rotes Gefährt mit vier Rädern auf einem Plakat, das – aus dem Augenwinkel betrachtet – tatsächlich ein Auto sein könnte. Ihm fiel nur auf, dass hier wieder ein „neuer Arona“ feilgeboten würde. Anderntags dann entdeckte er, kurz bevor er diesen spektakulären Auffahrunfall verursachte, ein Plakat links neben einer indes auf Rot umgeschalteten Ampel, das ihm schon wieder diesen knallroten Arona auf beide Augen drückte. Er fragte den Polizisten, der seinen Auffahrunfall aufgenommen hatte, um welches, ja welches Auto es sich bei diesem Arona denn handeln würde – „Gopfverdelli“ - also welche Marke das denn sei? Der Polizist schüttelte unwissend den Kopf mit der schnöden Behauptung, dies täte „gar nichts zur Sache“.

 

In derselben Nacht schlich Herr Alltagskonsument maskiert, um weiterhin von allen Werbern unerkannt zu bleiben, durch eine dunkle Strasse um das „Arona-Plakat“ zu observieren und zu erforschen, doch in der Dunkelheit konnte er auch nur das rote Auto auf der Plakatwand entdecken, jedoch wieder nicht dessen Markenname. Was am Morgen darauf geschah, habe ich schon berichtet.

 

Nun bitten wir Sie alle um Mithilfe, diesem armen Mann endlich zu sagen, wer und was „Arona“ ist. Wer es weiss, wird zu einem Siebengang-Lunch-Menü eingeladen. Von mir persönlich.

 

Okay, klar – ich verstehe, dass die Kreativen gar nicht an den Konsumenten ihrer Kunden denken wollen. Okay, weiterhin verstehe ich halbwegs, dass die Kreativen und die Marketingleiter und Media-Agenturen vieler Marken sich grundsätzlich nicht mit dem Menschen beschäftigen. Wozu auch? Wie sollte „man“ dieses fragile und facettenreiche Wesen auch nur ergründen und verstehen können, welches permanent zwischen analoger und digitaler Welt vor allen Marken davon läuft? Und obendrein wissen müssen, wo sich dieser fragwürdige Konsument aufhält, was er denn wirklich will, - das ist bei der Planung einer Werbekampagne, über die eh kein einziges Produkt mehr verkauft wird, auch schon egal. Okay, ich versuche zu verstehen, dass alle Werber die technische Evolution der brutalen und rasanten Silicon Valley-Digitalisierung, die uns unter anderem eine „Gesellschaft 4.0“ bescheren wird, zum absoluten Götzen stimulieren.

 

„Wow, diese Technik“ – und los geht’s, um sich den Massentrends, welche geleckte Pseudo-Digital-Markengurus auf teuersten Bühnen vor irgendwelchen verunsicherten Marketingleitern verstreuen, zügig anzuschliessen:

Appell 2018: Mehr Dialogkommunikation! Aufruf zum Zentralthema „Daten“! Aufruf zu Content Marketing! Nein, Programmatic Buying war ja 2017, also gestern, und ist endgültig auf allen Marketingforen und auf allen Apéro-Veranstaltungen abgefeiert worden.

 

Okay, Ihr unwissenden Mitläufer falsch verstandener Digitalisierung, die ihr euch alle von der Technik so „impressionieren“ lasst, um dann - ins unternehmerische Büro zurückgekehrt - entweder gar nichts Richtiges zu tun oder nur das zu tun was auch „Hansi Huber vom Mitbewerb“ gerade so trendmässig umsetzt. Weil, - das ist doch die geheime Regel - wenn es Hansi, Karli und Waldi machen, muss der digitale Marketingtrend ja was sein!

 

Was nun aber, liebe Spezies der Werber, gar nicht mehr geht - wie hoch man auch den Verständnislevel an die Werbekreation, die diesen Namen längst nicht mehr verdient, weil sie bereits fundamental gegen markensoziologische Grundsätze eines tatsächlichen Markenurgesteins, wie Kai-Uwe Hellmann verstösst - was also nun gar nicht mehr geht, sind diese bornierten Plakatwände mit den immer gleichen roten Autos darauf, auf denen das Markenemblem, das Logo, das Signet, die Wiedererkennung der Marke also, irgendwo, kaum mehr sichtbar, nicht wirklich auffindbar, maximal kleinstgedruckt rechts unten, zu suchen ist. Von mir zu suchen. Von mir, dem Konsumenten. Also so viel Respektlosigkeit und Unwissen über euer micro-geclustertes Konsumwesen, dem ihr die Marke xy immer noch von innen nach aussen aufzudrücken versucht, geht einfach nicht mehr. Schluss. Punkt. Und überhaupt…alles falsch gemacht!

 

„Wieso sprechen diese Markenverantwortlichen von Content-Marketing?“ fragt mich dann Herr Alltagskonsument. „Content“, das heisst übersetzt „Inhalt“, versuche ich zu erklären. „Nun, sie sprechen davon, weil die Marketingverantwortlichen Inhalte suchen gehen müssen, die sie Konsumenten, welche sie leider weder kennen oder verstehen, noch wissen dass und warum sich deren Verhalten in dieser Transformation zur Digital-Gesellschaft so massiv verändert hat, anbieten müssen, um ihre Marke in irgendeine Schwingung irgendeiner Wahrnehmung zu bringen. Um das zu erreichen, kaufen sie sich zum Beispiel Journalisten einst renommierter Tageszeitungen, weil sie vermuten, dass diese armen Schreiberlinge dann glaubhaft und echt und „generell freundlich und gut“, ihre Marke kommunizieren würden. Oder sie bewerfen Influencer tonnenweise mit ihren Produkten, weil die ja einen – ziemlich unglaubwürdigen, aber immerhin erdachten – Einfluss auf ihre dreiundsechzigeinhalb Follower hätten".

 

„Und warum dann noch Dialog-Kommunikation?“ will Herr Alltagskonsument wissen.

„Nun, weil Kundennähe ein zentrales Thema ist und weil die Werber alle glauben, über Google und alle bis ins letzte Detail zurecht geclusterten Kunden mit ihrer Marke „im Dialog“ erreichen zu können. Was die aber alle nicht wissen ist, dass sich der Konsument, bis auf einen geräuschvollen Wutanfall über diese billige Methode der Markenpenetranz, das gar nicht gefallen lässt. Es interessiert ihn nicht mehr, wenn Marken sich ihm plump aufdrängen. Weder im Fernsehen, denn er sieht ja werbeversetzt fern, noch im digitalen Netz, denn da findet ihn bis auf den Playern Facebook, Twitter und Instagram eh keine Marke. Und Dialogkommunikation über Plakate? – da lachen maximal noch die Hühner darüber".

 

Herr Alltagskonsument, der immer noch nicht weiss wer oder was Arona ist, schüttelt den Kopf und berichtet nur kurz aus seiner Sicht, warum ihn alle Aronas dieser Welt zwar nerven, beschäftigen und bis an den Rand des Selbstmords trieben, aber doch nie erreichten, geschweige denn überzeugten: „Ich befinde mich in ganz unterschiedlichen Situationen und in ganz unterschiedlichen Stimmungen sowohl in der analogen als auch digitalen Welt. Gerade in der digitalen Welt, in der ich extrem oft und auch recht lange bin, zeige ich meine Vielseitigkeit, alle Facetten von mir selbst. Da probiere ich mich selbst aus, wie ich wirke, ankomme. Im Netz habe ich viele Identitäten. Die Marken müssten mich eigentlich im digitalen Universum „orten“ können und dann nicht mit ihrer „Hammer-Methode“ werben, sondern mich in meiner Stimmung abholen und mir auf Augenhöhe etwas über sich und ihre Produkte erzählen. Darauf würde ich einsteigen. Na ja, und in der analogen Welt ist eh alles Werbung; jeder Mensch, jedes vorbei fahrende Auto, jedes Schaufenster. Auch in der analogen Welt muss es die Marke schaffen, mich in den unterschiedlichen Momenten meiner Bewegungen in der Stadt und auf dem Land, zu überraschen, zu motivieren und zu verführen. Das gelingt ihnen aber so gut wie gar nicht".

 

Nun ja, auf der Suche nach dem „Arona“ wurden dann doch ein paar wesentliche Klassiker falscher und unwirksamer Werbung als Katalysator kommunikativer Geldverschwendung, aufgedeckt. Es verwundert also gar nicht, dass Unternehmen weder Markenbindung noch einen erfolgreichen Produktverkauf beim Konsumenten vorweisen können. Die Markenchefs machen das, was sie immer machten und was niemals mehr so funktionieren wird. Neuem gegenüber verhält man sich besser ignorant. Dass damit jener „Brand“ von dem man als gut verdienender Markenchef die monatliche Kohle einstreicht, sukzessive absäuft, interessiert diesen doch gar nicht. Jeder ist sich schliesslich selbst am nächsten. Doch bitte, liebe Leserin und lieber Leser, tun Sie mir doch einen kleinen Gefallen, wenn Sie sich schon nicht für neue, wirklich erfolgreiche und wissenschaftlich erwiesene Marketingmethoden im digitalen Zeitalter interessieren; - sagen Sie mir bitte doch endlich:

 

“Wer ist Arona“?