Plädoyer eines Versagers…

Eine Parabel – Der Vergleich eines Reichen, der geistig arm war und der modernen Welt des 21. Jahrhunderts entsagte, um zu einem neuen Menschen zu werden. Eine Geschichte auch über das Führungspersonal der Industrie, über Google und menschliche Ignoranz.

 

 

Er tritt auf wie ein Sieger. Aufrechter Gang. Konzentrierter Blick. Ein geliehener Anzug von Yves Saint Laurent. Gerd van Boer eilt in die BBC Studios, London. Hier erwartet ihn Hillary Swan: Mitte vierzig, Interviewerprobt. Sie wird mit ihm das Gespräch vor laufenden Kameras führen. Gerd van Boer reicht ihr kräftig die Hand. Er verlangt noch einen Kamillentee, lauwarm. Minuten später nehmen beide im Studio 7 Platz.

 

„Herr van Boer, Sie arbeiteten vier Jahrzehnte als Top-Manager für die Telekommunikation, für die Automobilindustrie und für die Star Alliance internationaler Fluggesellschaften. Von einem Tag auf den anderen haben Sie alles hingeschmissen, nur einen Zweizeiler Ihrem Verwaltungsrat hinterlassen. Auf dem Stück Papier stand: „Leckt mich alle. Ich gehe. Von Dummen lasse ich mir mein Leben nicht länger versauen." Wie kam es zu dieser Groteske? Wo leben Sie heute?"

 

„Ich lebe auf einer Insel im Atlantik. Ich lebe jetzt mental und physisch im Paradies. Ich habe quasi die Welt überwunden, ich habe mein Ich, oder besser formuliert, meine Illusion vom "Ich" an den Nagel gehängt. Ich wehre mich vehement dagegen, mein Ego alias Gerd van Boer weiterhin durch meine CEO-Visitenkarten, meinen Doktortitel, meine drei Ehefrauen, meine Millionen Dollars auf vier Konten, meine Autos, mein Privatflugzeug und jeden weiteren materiellen Status-Kram, zu definieren. Ich war zwar einst reich, aber geistig arm. Ich war nichts anderes als ein Versager. Ein Versager, weil ich dem eigentlichen Sinn des Lebens getrotzt hatte. Ich liess mich leiten vom Gedanken, über meine Macht in Knochenjobs selbst eine Art Gott zu sein, über Mitmenschen zu herrschen, zu urteilen und zu richten. Am Ende dieser ungesunden Karriere war ich selbst psychisch und körperlich ruiniert.

 

„Aber was bedeutet, - sich von Dummen das Leben nicht mehr versauen zu lassen?"

 

„Die Welt-Bürger einerseits, werden in der Tat immer dümmer. Dumm heisst: sie wissen wenig vom wahren Leben, sie kennen weder unsere Geschichte noch sind sie fähig die Zukunft so zu gestalten, dass alle, also Mensch, Natur, Ressourcen und Tiere gleichberechtigt in ein "better tomorrow" geführt werden. Dumm heisst auch, Alltagsmenschen verblöden in und durch die Flucht in virtuelle Welten und ihren Dauer-Konsum. Die Unternehmer andererseits, haben immer weniger zu sagen. Ihre Angestellten sind entweder aussitzende Bequeme oder machtgeile Egomanen. Sie alle jedoch leiden unter der schlimmsten Krankheit, die es gibt: dem Verfall. Dem Verfall dessen, was sich in 70.000 Jahren Menschengeschichte auf diesem Planeten Völker aufgebaut hatten, um unsere Evolution zu garantieren: Respekt. Vertrauen. Ethische Werte. Ein Miteinander anstelle eines zerstörenden Gegeneinanders. Die Unternehmer, genauso wie unsere Politiker, haben weder Rückgrat noch Mut für sinnvolle und überfällige Innovationen. Ihre Ignoranz, ihr borniertes Unwissen und ihre widerwärtige Netzwerk-Klüngelei im Wirrwarr selbst entfachter Zukunftsnebel, haben längst die Oberhand gewonnen. Die Manager in höchsten Positionen sind austauschbare Schachfiguren des Unwissens geworden, die das Denken verlernt haben, die sich dem Gewäsch allgemeiner Meinungen angeschlossen haben, die heute noch immer tun was sie früher schon halbherzig taten, ohne die Veränderung eines Weltgefüges durch neue Strategien und Methoden in Führung, Verkauf und Marketing zu berücksichtigen und zu gestalten. Sie alle tragen falschen Stolz und persönliche Eitelkeiten vor sich her, die automatisch in Versagen und Verfall münden müssen, zu Zerstörung und Untergang von Unternehmen und der Gesellschaft führen. In dieser Welt mitzuschwimmen bedeutet für einen verantwortungsbewussten Menschen, mentaler Selbstmord!"

 

„Können Sie diese Behauptungen konkretisieren, Herr van Boer?"

 

„Mit dem Jahr 1989 wurde das Web Wirklichkeit dieser Welt. Keiner weiss wirklich wer es kreiert hat. Niemand aus der Bevölkerung wurde jemals gefragt, wie das Paralleluniversum Cyberspace aussehen sollte und aussehen wird. Das hat seine Gründe. Das Web dient dem Reiz der Verführung, also dem Dauerkonsum. Der Mensch wird durch ein modernes „Panem et Ludi-Prinzip“, also ähnlich jenem „Brot und Spiele-System" aus der Zeit Julius Caesars, verführt, um nicht nachzudenken, was die neuen Götter, wie Google, wirklich planen, um die Welt vom Kapitalismus in den Dataismus zu führen. Das Cyberspace dient zweitens dazu, die Menschen nackt zu machen: Daten, Daten und nochmals Daten jedes Einzelnen sammeln. Warum? Ende dieses 21. Jahrhunderts haben wir 3 Milliarden Menschen zu viel auf dem Globus herumlaufen. Die Ressourcen reichen nicht. Drei Milliarden Menschen müssen folglich weg. Das Silicon Valley, US-amerikanische Geheimdienste und weitere Machtinstitutionen dieser Welt bauen an einem Cybergefüge, das weder demokratisch noch human ist.

 

Der Homo Sapiens im Sinne eines Normalbürgers und Arbeitgebers sowie Arbeitnehmers, hat längst die Kontrolle über unser Leben verloren. Zwei Beispiele unseres neuen Weltgefüges: Ein ambitioniertes Projekt trägt den Namen „Google Baseline Study“. Dabei will Google eine Riesendatenbank zur menschlichen Gesundheit aufbauen und das perfekte Gesundheitsprofil erstellen. Menschen sollen damit vor Krebs et cetera gewarnt werden. Jede Abweichung von der „baseline“ wird ihm gemeldet. Dazu wurden Produkte mit dem Namen „Google Fit" entwickelt. Diese werden in „Wearables" wie Kleidung, Armbänder, Schuhe integriert und sammeln einen unablässigen Strom biometrischer Daten. Google geht den Menschen also sogar an die Wäsche, um Daten zu sammeln. Weiter noch: Die Exfrau des Google-Mitbegründers Sergey Brin hat das Unternehmen „23andMe“ ins Leben gerufen: 23 Chromosomen prägen unser Genom. Jeder jedoch, der weiss, was die Chromosomen sagen, kann ihnen Dinge über Sie erzählen, an die Sie nie auch nur im Entferntesten gedacht hätten. Brandgefährlich. Ein Eingriff ins Menschsein.

 

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil jeder verantwortungsbewusste Mensch, zumindest jene Menschen, die Führungsaufgaben privat oder beruflich übernehmen wollen, diese Makro-Ebene des Weltgeschehens begreifen und durchdenken müssen, bevor sie die Meso- und Mikroebene erfolgreich gestalten wollen. Was bedeutet die Digitalisierung denn nicht nur einseitig technologisch, sondern inwieweit verändert sie das Verhalten und Leben des Menschen massgeblich, das Verhalten unseres Mitbürgers also, unserer Kinder, unserer Konsumenten? Doch ich registriere genau das Gegenteil: Der Mensch, dem heute Verantwortung übertragen wird, durchdenkt das neue, 3. Jahrtausend nicht ausreichend, er schreibt keine wirklich neue Agenda, sondern nur seine alte um. Ich bin quasi an der Ignoranz „grosser" Verantwortlicher gescheitert. Und weil ich endlos scheiterte und litt und mich von mir selbst entfernte, kam mir zu Bewusstsein, dass ich im Grunde mein eigener Versager bin: Ein „Jemand", der seine Emotionen längst verdrängt hatte, der rein rational, aus Kalkül und der Berechnung heraus gelebt hatte.

 

„Und, um dieser Welt zu entsagen, kündigten Sie, schrieben den Bossen einen bösen Zweizeiler und zogen sich zurück?"

 

„Anfangs wollte ich einfach nicht zulassen, dass Google und andere Cyber-Machthaber mein Leben wie Gott dirigieren würden. Auch wollte ich nicht länger mit Menschen arbeiten, die nicht mehr menschlich sind und die zudem die Welt und das Leben vollkommen missdeuten, geschweige denn durchdenken. Erst ein halbes Jahr später, als ich auf meinen täglichen Spaziergängen zwischen endlosen Rhododendron-Hecken auf dieser Insel spürte, dass es Gott, den wahren Schöpfer unendlich vieler Galaxien und unseres Planeten voller herrlicher Natur geben muss, begann ich langsam ein anderer Mensch zu werden: mein Bewusstsein, meine Seele drückten sich wieder aus. Meine Demut der Schöpfung gegenüber nahm zu und führte dazu, dass ich täglich neu versuche, mein „Ego" zu überwinden und ein anderer Mensch im Sinne meiner Hingabe an die Schöpfung zu werden. Dieses Leben ist nun natürlicher, einfacher, lockerer und viel genussreicher, als jede Illusion von einem alleinherrschenden, mächtigen Ich. Wir alle müssten neu denken, um Zukunft zu gestalten. Oder ganz aussteigen aus dem Getriebe und nur das tun, was unseren Mitmenschen zumindest nicht schadet.