Anleitung zum Misserfolg

„Was kann man von einem Menschen…erwarten?

Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über beide Ohren (…), geben Sie ihm ein pekunäres Auskommen, dass ihm nichts anderes übrig bleibt als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen – so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit (…) einen Streich spielen. (…) Gerade seine Dummheit wird er jedoch beibehalten wollen.“

 

Fjodor M. Dostojewski

 

Es ist Zeit mit dem Ammenmärchen unserer Moderne aufzuräumen, wonach der Beruf Berufung sein sollte und ein intrinsisch motivierter Markenchef eines Unternehmens alles daran setzt, zum Wohle des Unternehmens zu arbeiten. Der Beruf ist nämlich nichts anderes als ein Job, den er macht, weil er einen Haufen Geld benötigt, um sich all das zu leisten, was ihn in seiner Vorstellung „glücklich macht“. Erfolg ist das, was Er sich laut brüllend auf seinem Marktplatz erschreit, um sich selbst dabei gut zu fühlen. Und gut fühlt er sich nur wenn er Macht hat, und diese Tag ein, Tag aus seinen Nebenbuhlern gegenüber verteidigt.

Sonst will er einfach in Ruhe gelassen werden. „Was geht mich diese blöde Welt an?“

 

Dieser beängstigende Leitfaden unserer Wissensgesellschaft, die gar nichts weiss sondern nur weiss wo sie hinlangen muss, um rasch eine flüchtige Information zu erhalten, stürzt die Industrie in grösste Turbulenzen, Kämpfe und einen niederschmetternden Krieg. Einen Krieg, Monat für Monat Absatzverluste zu rechtfertigen, Fünf-Jahres-Notfallpläne zu schreiben und die grauenhafte Konkurrenz mit Preisdumpings und Rabattschlachten auszustechen. In der Markenkommunikation lebe das „Ego“, - sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Unternehmensebene.

 

Der Markenchef des 3. Jahrtausends, der zu bequem ist auch nur einen Zentimeter über seinen vollen Tellerrand zu denken, der abwartet weil er keine Zukunft erkennt, ausser den spröden Leitplanken seiner Pensionierung, und der sich im Flow des Unbewussten den drögen Marketingmassnahmen gleichermassen erfolgloser Konkurrenz anschliesst, sucht wie der Betrunkene unter der Strassenlaterne seinen Schlüssel zum Erfolg, um weiterhin seinen intrinsischen Macht- und Ego-Motor stotternd am Laufen zu halten. Als besagter Betrunkener endlich von einem Polizisten gefragt wird, ob dieser sicher sei, seinen Schlüssel unter jener hellen Laterne verloren zu haben, antwortet dieser: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster“.

Finden Sie absurd, was ich Ihnen schreibe? Wenn ja, suchen auch Sie am falschen Ort nach Ihrem Erfolg. Der Vorteil ist nämlich, dass eine solche Suche nach dem „Schlüssel zum Erfolg“ zu nichts führt, ausser zu mehr desselben, nämlich nichts.

 

Die Transformation von einem analogen in ein digitales Jahrhundert macht Kenner der Geschichte allmählich hysterisch. Deshalb, weil Menschen die Digitalisierung zwar erfunden haben und genau dieselben Menschen auch lernen müssten diese richtig zu nutzen, um Marktführer zu bleiben oder zu werden. Das tut der Mensch aber nicht. Er ist wissensresistent, nur dem Main-Stream-Informationsfluss aufgeschlossen. Besonders in diesem Land wird nur so getan, als ob man „Bescheid wüsste“, wie das digitale Spiel um die Trophäe des Gewinns funktioniere. Dieser systematische Selbstbetrug, der zu Übernahme-Deals, Pleiten und tausenden Entlassungen von Mitarbeitern führt und dazu, kein Produkt mehr über die digital-analog verstreute Werbung zu verkaufen, gelingt durch einhellige Anpassung ans System. Und dies ist ein System des Klüngels, das aus Agenturen, Unternehmern und selbstgestrickten Coaches besteht. Sie alle predigen dasselbe Nichts und verharren in der Übersetzung analoger Marketingmassnahmen in die digitale Welt. Weiterbildungen bringen auch nichts, denn in den Lehrplänen der Hochschulen und Lehrinstitute steht nicht geschrieben, wie Produkte über das Cyberspace zu Hauf gekauft werden können und wie neue Markenbindungen über „Consumer who are moving from channel to channel“ in unserer Optionskultur entstehen können.

„Macht nichts, was geht es mich an?“, werden Sie wohl sagen, deshalb, weil es alle anderen auch so sagen und den anderen auch alles Wurscht ist. Die Menschheit, die einerseits so gescheit ist, so erfolgreich in der Forschung, die uns mit Apps für jeden erdenklichen Irrsinn, mit technokratischer Home-Technology und mit automatisch fahrenden Autos verwöhnt, ist andererseits ein ignoranter Haufen angepasster Konformisten, die das tun oder nicht tun, was ihr Klüngel sagt, tut oder eben nicht tut. Sie alle sind zweifach blind: erstens dafür, dass im Laufe der Zeit die betreffende Anpassung eben nicht mehr die bestmögliche ist, und zweitens dafür, dass es neben ihr schon immer eine ganze Reihe anderer Lösungen gegeben hat oder jetzt, genau in diesem digitalen Zeitalter, gibt.

 

„Neue Kommunikations-Möglichkeiten für gesteigerten Erfolg im digitalen Zeitalter?“ Iwan Persukovic, Schweizer per Pass und „Head of Digital Marketing“ per Visitenkarte, glaubt jeden Tag und allen Ernstes erfolgreich zu sein. Er ist so beschäftigt in „seinem“ Unternehmen das ihm nicht gehört, dass er weder das Telefon abnimmt, wenn ihn jemand anruft, dass er keine fremde Meinung ausser seiner eigenen zulassen will, noch auch nur eine einzige Mail, ausser jener „vom Badminton-Kolleg“ im Zimmer nebenan, beantwortet. Er glaubt stolzgeschwellt erfolgreich zu sein, wenn er auf den sieben Apéro-Veranstatungen pro Woche anderen Kollegen erklärt:

„Wir hauen unsere Werbebotschaften wegen Reichweite unserer Zielgruppe mit Vollgas auf alle Medien-Outputkanäle". Geniales Multichannel-Marketing mit grobem Fokus auf Fernsehwerbung sei das, weil laut Umfrageergebnisse aus dem bestehenden Klüngel, immer noch "so viele Leute" Fernsehwerbung anschauen und sich von ihr zu Produktkäufen hinreissen liessen. "Das alles erreichen wir durch feinbröseliges Micro-Targeting, denn jetzt wissen wir auch wohin wir unsere teuren Google Adwords den Menschen zum Frass vorwerfen können. Dann, ausserdem und obendrein, machen wir ganz nebenbei noch inhaltsloses Content-Marketing und klatschen unsere ausdrucklosen Social Ads auf viel besuchte Nachrichtenportale. Wir kommunizieren unsere Marke weiterhin lautstark von innen nach aussen auf die nebulöse Masse der Consumer. Und am Ende des Tages inszenieren wir ein Event der Superlative für 16 Gäste mit unserer ultra-doofen Influencerin, 23 Jahre jung, die durch uns Millionärin mit eigener Modelinie wurde und deren noch dümmere Konsumenten wohl glauben müssen was sie Unwahres über unseren „Brand“ verbreitet".

 

Ja, auch so kann man seine Tage als Marketingchef fristen und sich einbilden, man, ICH, sei ein erfolgreicher „Head of Irgendwas“ und ICH würde sowohl meinen Beitrag zur Steigerung des Bruttosozialprodukts als auch zum Wohl von Unternehmen und Konsument leisten.

 

Ich ermutige Sie weiterhin in Ihrem Denkschema des 20. Jahrhunderts zu verweilen, sich gegen Neues radikal zu verschliessen und sich bei Ihrem Klüngel die Ihnen so wohltuende Bestätigung richtigen Handelns abzuholen. Ich ermutige Sie ferner, sich weder mit dem Menschen, seiner Geschichte, seinem Verhalten, seiner Psychologie, seiner Rolle als Individuum, als Konsument oder sozietäres Wesen, zu beschäftigen. Denn wenn Sie echtes Wissen grosszügig weglassen, dann werden Sie weiterhin Ihre Freude geniessen, indem Sie 600.000 potenzielle Menschen erreicht haben, die den Kram Ihrer Influencerin per Video ansahen, Sie werden nach Feierabend glücklichen Herzens durch Bahnhöfe hetzen und Ihre Werbung dort zwischen Gleis 14 und 15 entdecken und abends beim verdienten Bier auf dem TV-Bildschirm von RTL und ProSieben vor und nach dekadenten Social-Dokus erspähen; Sie werden gutgelaunt die Füsse hoch legen und sich über die Massen von Menschen freuen, die Ihren Brand, der schon seit Jahren müffelnd vor sich hinschwelt, auf irgendeinem der Multi-Media-Kanäle irgendwie wahrgenommen haben müssten. Mit dieser Beruhigung werden Sie dann satt und müde ins Bett fallen und vom grosszügigen Gehalt Ende des Monats träumen. Wie lange Sie sich noch so freuen können, bleibt dahingestellt. Frönen Sie jedoch weiter Ihrer Marken-Illusion, denn wenn ich Ihnen jetzt die Wahrheit sagen würde, dass sich niemand, keiner von all diesen Menschen wirklich mit Ihrer Marke aufgrund all Ihrer Massnahmen intensiv beschäftigt hat, geschweige diese auch wirklich kaufen möchte, dann würde ich Ihnen Stolz und Eigenlob nehmen, oder Sie gar in einen furchtbaren nächtlichen Albtraum stürzen.