Zum Sehen geboren, zum Schauen berufen!

Wir haben keine Zeit. Das Leben ist schnell. Wenn du es besser machen willst, musst du langsamer leben. Eine Reise ins Tessin, - um zu schauen und einer besonderen Umarmung wegen!

 

Nach dem unbefriedigenden Telefonat mit einem aufgedrehten Selbstverliebten verharrt er in seinem Wohnraum vor dem Spiegel mit goldenem Barockrahmen. Er sieht ein Spiegelbild, das er nie sein wollte: Gezeichnet von der Kultur der Unruhe! Seine Lebensreise ist die Biographie eines Hochgeschwindigkeitsreisenden, in welcher Karriere und die ununterbrochene Aneinanderreihung lustvoller Momente, welche Glück symbolisieren sollten und gleichzeitig in sich zerfielen wie Aschenstaub, die Hauptrolle spielten.

 

Er gilt als schwierig. Er ist Stimmungsschwankungen unterlegen. Er war viele Jahre süchtig. Heute meidet er Menschen.

 

Er steht und spricht zu seinem zerknitterten Spiegelbild ein überzeugendes Résumé: „Der Schnellzug verschwand, weil er nicht schnell genug war. Der Eilbrief verschwand, denn schon das Eilen klingt gemächlich und zugleich altmodisch. Stattdessen findet unser Leben auf der „Überholspur“ statt, deshalb ist es „in“ Fast Food zu mögen, weil Fast Eat die Illusion schürt den Tag mit anderem Kram auszufüllen. Alles beschleunigte immer rasanter: Schnellrasur, Schnellimbiss, Schnelltankstelle, Schnelllifting, Schnellreinigung, juristische Schnellverfahren. Die Droge der urbanen Jugend heisst „Speed“. Dies alles arbeitet an der Fiktion des gewonnenen Lebens, es sagt, wenn du schneller bist, schneller reist, Zeit sparst, wirst du am Ende mehr davon haben.

 

„Doch wir alle haben keine Zeit mehr. Wir haben einfach keine Zeit.

Ich muss mir selbst sagen: Das Leben ist schnell. Wenn ich es also besser machen will, muss ich es langsamer machen“.

 

Er geht nach oben in sein Ankleidezimmer. Er holt das Köfferchen aus Leder hervor das er nur verwendet, wenn er eine Autoreise macht. Er reist längst in keinem ICE mehr, da dieser Zug kaum anhält, keinen Blick auf Landschaft frei gibt, Landschaften an ihm vorbeifliegen ohne gesehen zu werden. Wie das Leben auch.

Ihm fällt jetzt Goethe ein: „Der Mensch ist zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt“. Wer schaut, der ist frei. Der macht sich nicht mehr abhängig von anderen, die ihm etwas erzählen.

Er schaut indes seine Garderobe lange an: das rotgestreifte Hemd, an dessen Streifenränder Goldfäden eingewoben sind, die derjenige nicht sieht, der nicht wirklich hinschaut.  Das Hemd lässt er von einer behinderten Frau bügeln, die Freude daran hat diesen besonderen Stoff mit Hingabe zu glätten. Er arbeitet seit Jahren mit vielen Behinderten zusammen, weil sie normaler sind als die Normalen, weil sie ruhiger sind, fröhlicher, lebensbejahender als die intellektuell Verirrten. Die Behinderten schauen das Leben anders an. Das tut ihm gut.

 

Er packt sein Köfferchen: das Hemd also, auch Handschuhe aus Nappaleder, die er in Marrakech gekauft hatte, als er auf seinem Höhenflug war: mehr Sex, mehr Geld, mehr Intensives das ihn krank machte. Er packt noch einen Schal ein, der von Mönchen aus dem Himalaya stammt.

 

Er setzt sich in sein Auto: keine Musik, kein Radio, nur das runde Motorengeräusch des Achtzylinders. Ein unaufgeregter Motor, der ihn auf vielen Wegen begleitete. Er fährt langsam. Autofahren als Meditation. Er winkt den Waldkiefern zu. Er fährt ins Tessin und braucht viele Stunden dazu, weil er viel und intensiv aus der Windschutzscheibe schaut. Er zählt die Strassenpfosten mit den Katzenaugen.  

 

Es regnet. Er bezieht eine Juniorsuite in der obersten Hoteletage. Er schiebt die Balkontüre auf. Er steht und schaut in den dichten Regen, so, wie der Regen in „Der Mensch erscheint im Holozän“ bei Max Frisch beschrieben wird: dicht perlend, sanft prasselnd. Er steht und atmet und schaut mit Freude in den Regen. Er denkt an Jesaja, an dessen pathetische Beschreibung der Ungerechtigkeit in seiner Welt; die beste Beschreibung einer kaputten Gesellschaft ist es, die er kennt. Er holt jetzt seine Bibel und liest in Jesaja. Der Regen trommelt und platscht und trieft.

 

Die Menschen haben immer schon Gott im Schauen erfahren. Er zeigt sich in der Schöpfung, in der Sonne ohne die wir die Schönheit der Welt nicht sehen könnten.

 

Die gottlose Welt, in der er lebt, die nur Sichtbares als Beweis für Leben und Evolution gelten lässt, die gottlose Welt die wir haben, ist eine Welt der Machtsysteme, in denen keiner sich auflehnt, alle sich anpassen, alle die anonyme Macht und den gedankenlosen Zwang eines nichtdenkenden Apparats oder Systems vermehren. Die Gottlosen machten die Welt zur Hetzjagd der Begierden, der Lüste, Reize, Intensitäten. Der Mensch setzt sich mit der zunehmenden Technologie an die Stelle des Schöpfers. Seine ungebundene Macht ist teuflisch und wird alle automatisch ins Verderben führen. Anders geht es im Angesicht der Schöpfung gar nicht.

 

Er bestellt beim Concierge einen Pfefferminztee. Dann wäscht er sich lange die Füsse mit lauwarmem Wasser. Er schaut dem Wasser nach, wie es über seinen Zeh läuft und dann im als Rinnsal im Abfluss verschwindet.

Er setzt sich aufs Bett. „Libeco“ – Italienisches, kühles Leinen. Er fühlt es mit den Fingern. Es ist am Saum mit breiter Bordure geschmückt. Der Duft des gebleichten Leinens mischt sich mit dem Duft des Regens, der Hortensien im Hotelpark und der Palmenrinden. Er schläft über Jesaja ein.

 

Am anderen Morgen das Farbschauspiel: erst rosé, dann ein rosé-rotes Licht der aufgehenden Sonne betupft schiefergraue Bergspitzen hinter dem Lago Maggiore. Unter Felswänden eröffnen sich Schneefelder, weiss, rein, sauber. Die Sonne schiebt sich ruhig und ihrer Bahn entsprechend höher in den Himmel, wird gelborange und noch eine Spur heller. Sie verwandelt Ecken, kleine Teile des unter seinem Balkon liegenden Parks, in Farboasen: roter Hibiskus, Orangen an zierlichen Bäumchen. Alles wird mehr und mehr illuminiert und inszeniert.

 

Er steht. Er schaut. Nicht nur mit einem Auge, das nur beurteilt, einteilt, berechnet, nur das Sehen einzelner Dinge nebeneinander ermöglicht. Er schaut ganzen Auges, er wird allmählich eins mit dem Geschauten. Er schaut an diesem Morgen ins Leben hinein, auf den Grund allen Seins. Und hier, jetzt, genau in diesem Moment, in dem alle seine Sinne geöffnet sind, zeigt sich im Sichtbaren das Unsichtbare. Er schaut und staunt. Die Zeit steht still.

Die aufgehende Sonne umarmt zuerst mit sanften langen Fingern den Berg, den See, dann immer grössere Teile des Hotelparks, sie umarmt schliesslich ihn, den Stehenden sanft, wärmend, leise, zärtlich. Er steht und schaut und fühlt und spürt, dass ihn Gott berührt in seinen Sinnen, in seinem Geist und Ursprung.

 

Und er weiss, dass er sich selbst begegnet ist in diesem Moment. Frei. Rein. Unverdorben. Heilig. Zeitlos. Ewig.

Die Metaphysik zeigt den Kern des Lebens. Die Ewigkeit zeigt die Bedeutung der Zeit auf Erden und erklärt den Drang nach Schnelligkeit ad absurdum.

 

Er zieht sein schönes Hemd an, lächelt und freut sich darauf, im Park des Hotels zu frühstücken und noch viel mehr zu schauen…