So ist das Leben!

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht gestalten. Wer das Leben nicht holistisch ansieht, läuft Gefahr im Morast des Rationalen keine Antwort mehr auf die Sinnfrage des Lebens geben zu können. „So ist das Leben“ lautet das Motto der Moderne. Oder ist es in Wahrheit ganz anders? Ein Gespräch über Leben und Tod…

 

„Ein Leben nach dem Tod?“ Die Dame, eine betagte und charmante Rationalistin, streicht mit ihren schlanken Händen über die gefaltete Serviette. Eine Kerze brennt auf dem runden Tisch des Restaurants. Ihre Flamme wirkt jetzt wie ein Fremdkörper im sonnendurchfluteten Seehaus. Mittagszeit am Ammersee. Hinter der Kerze trennt eine riesige Scheibe das „Draussen“: eine tiefe Terrasse ohne Stühle und Tische, daran angrenzend ein breiter Schilfgürtel und ein Holzsteg, der zum dunkelblauen Wasser führt. Er sitzt mit ihr am Tisch. Er streicht Kräuterquark auf eine Scheibe Baguette.

 

Sie lächelt. „Nein, was soll denn noch leben? Dass Sie mit mir an diesem Tisch sitzen, dafür mussten sich Billionen Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen. Würden wir uns selbst mit einer Pinzette Atom für Atom auseinander nehmen, bliebe ein Haufen feiner Atomstaub übrig. Sie und ich leben nicht länger als maximal 650.000 Stunden. Danach fallen die Atome in aller Stille auseinander, gehen ihrer Wege und werden etwas ganz anderes. Für Sie war’s das dann.“

 

Er nimmt einen Schluck Wasser, räuspert sich und sieht auf seinen sitzenden Körper herab. Dann blicken seine Augen auf den See: „Wir bestehen nicht nur aus Biologie, sondern aus Geist und Seele“, antwortet er. „Wir glauben nur der zu sein, der hier am Tisch sitzt. Die Komplexität des Menschen ist immens. Der Mensch ist keine Singularität, er ist eins mit allem, verbunden mit allen menschlichen Seelen, mit der Natur, dem All. Seine Seele ist ewig, nur sein Körper zerfällt“. Er neigt sich nach vorne. Der Ober kommt. Er ist der Inhaber des Restaurants. Er serviert „Seelachs mit Spargel, Kräutern und kleinen Frühkartoffeln“.

 

Sie greift zu Messer und Gabel. An einem ihrer Finger thront ein gefasster Ring aus Meissener Porzellan. „Die Frage nach Gott, die Frage danach, wer Gott ist und ob er in uns ist, haben viele Philosophen untersucht: Descartes gab eine andere Antwort als Rousseau, der die Natur als Gott ansah. Die Bibel schliesslich sei das Buch Gottes. Wer sagt das? Es ist zu ganz unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen geschrieben worden. Den Texten wurde viel hinzugefügt. Lange nach den biblischen Zeiten wurde es zu einem einzigen heiligen Buch kompiliert.“ Sie verschluckt ein Stück Fisch. Sie wirkt konzentriert. Er lässt sie weitersprechen: „Selbst der Papst hatte einst behauptet, die Konstantinische Schenkung sei im 4. Jahrhundert von Konstantin persönlich verfasst worden, während sie in Wirklichkeit 400 Jahre später von den Schreiberlingen des Papstes gefälscht wurde. Warum sollte die Bibel nicht auch eine Fälschung sein?“

 

Er hat einen Spargel im Mund. Eine Kohlmeise baut ihr Nest draussen, über der Markise im rechten Dachgiebel des Restaurants. „Der Wissenschaft geht es um Macht. Immer schon. Der Religion um Ordnung. Irgendwo aber auch um Macht. Was der Mensch als Träger von Macht und Ordnung fälscht, kopiert, manipuliert ist seine Sache. Die Existenz von Jesus, die viel differenzierter zu betrachten ist, als es das Dogma der Kirche uns weismachen will, ist unbestritten. Dass Gott die Urkraft des Lebens ist, bipolares Licht, das über Elektrizität und Schwingungen Materie formt, ist gar wissenschaftlich bewiesen. Dass wir Menschen ein Abbild des göttlichen Universums sind, scheint naheliegend. Damit sind wir bei der Mystik Mensch angekommen.“

 

Sie benutzt die Serviette. Sie sieht der Meise zu. „Die moderne Kultur lehnt den Glauben an einen grossen kosmischen Plan ab. Wir sind keine Darsteller in irgendeinem Drama, das grösser ist als das Leben. Das Leben kennt kein Textbuch, keine Stückeschreiber, keinen Regisseur, keinen Produzenten – und keinen Sinn. Unserem wissenschaftlichen Verständnis zufolge ist das Universum ein blinder und zielloser Prozess voller Lärm und Wildheit, aber ohne Bedeutung. Während unseres unendlich kurzen Aufenthalts auf unserem winzigen Planeten ärgern wir uns über dieses und sind stolz auf jenes, und dann verschwinden wir auf Nimmerwiedersehen. Es wird kein glückliches Ende geben, es wird kein schlimmes Ende geben, es wird überhaupt kein Ende geben. Die Dinge passieren einfach, eines nach dem anderen. Die moderne Welt glaubt nicht an einen Zweck sondern an eine Ursache. Das Paradies nachher, gibt es nicht. Wir können es nur auf Erden erreichen. Und unser Leben hier auch gründlich verlängern, wenn wir ein paar technische Hürden überwinden. So ist das Leben.“

 

Der Inhaber des Seehaus serviert einen Flan mit Pfefferminzeis und Cayenne-Pfeffer.

 

Er blickt auf den See und in den Himmel. Er sieht der Meise zu. Dann greift er die Hand der betagten Dame. „Wissen Sie, die Ursache, dass Sie und ich hier sitzen und einen köstlichen Flan verspeisen, liegt nicht in dem, was Menschen seit vier Millionen Jahren aus der Erde gemacht haben. Der Sinn des Lebens scheint uns Menschen spätestens in dieser Epoche abhandengekommen zu sein, wir sehen nur die Macht der Wirtschaft, wir erkennen nun die grosse Macht der Digitalisierung, - der Liberalismus, der Humanismus sind stark bedroht. An die Stelle von menschlichen Arbeitskräften treten die Algorithmen. Was ist an dieser Erde, die der Mensch weiterentwickelt, lebenswert? Ist jedoch nicht dieses Wissen, dass unser Leben, das für uns nur in dieser Epoche stattfindet, eine ganz andere Ursache hat, als jene sichtbaren Ergebnisse unserer Menschheit, Trost, Hoffnung und Sinn zugleich?“

 

Die Dame beugt sich schmunzelnd in seine Richtung. Mit einem langstieligen Löffel nimmt sie etwas Eis. Dann kostet sie vom Flan, wobei sie den Pfeffer von ihm abgestreift hatte.

 

„Und dieser Sinn liegt in der Erkenntnis, dass die kleinste Einheit der Energie, welche Atome und Protone antreibt in einem Milliarden Jahre alten All, jeder wissenschaftlichen Erklärung entbehrt“, fügt die Dame an.

„Genau – irgendwo ist eine Macht, grösser als alles was sich Menschen erklären können, stärker, rhythmischer, mächtiger als alle Macht aller Fürsten, Herrscher und Wirtschaftsbosse heute. Und diese Kraft ist Gott. Und Gott hatte einen weisen Plan für den Menschen. Dieser liegt in der Erkenntnis, die wir alle suchen sollten: Kraft unseres Körpers und Verstandes können wir uns eine Welt bauen, formen, sie verändern. Doch kraft unseres kosmischen Bewusstseins, befreien wir unsere Seele. Sie nämlich schwingt in unserer Tiefe mit dem Universum im Einklang. In ihr sind wir ruhig und geborgen. Durch unser Bewusstsein, jenen Teil des Ichs der weit über Atome, Zellen, DNA oder unseren Intellekt hinausgeht, sind wir mit der göttlichen Idee verbunden. Gott ist damit ein Teil von uns. Es muss so sein. Und weil das so ist und nicht anders sein kann, ist unser Leben reicher, tiefer, höher, grösser und viel freudiger und, -  ewig. Nachdem die Atome woandershin gegangen sein werden, tritt unsere Seele in den Kreislauf der göttlichen Idee zurück. Damit ist der Lebenssinn erfüllt.“

 

„Sie haben grossartig geschlussfolgert, Kompliment“, erwidert die Dame. „Wir scheinen uns möglicherweise zu irren wenn wir glauben, das Leben sei so wie wir Menschen es formen. Ich werde nach diesem vorzüglichen Mittagessen mit Ihnen hier am See versuchen, hinter die Fassaden des menschlichen Lebens zu blicken, um Leben und Tod ein Stück weit anders zu deuten“. Sie lächelt bescheiden. In ihren Augen stehen Neugier und Wissensdrang geschrieben.

 

Der Kaffee kommt….

Sie lehnen sich zurück.

Die Meise fliegt in den Himmel.