Nachtvögel

Ein Haus in der Provence. Ein Garten voller Olivenbäume, Zedern, Glyzinien und Oleander. Und mitten in der Nacht beginnen Vögel zu singen. Ihre Liedtexte handeln von unserer Welt, der die Menschen ihre eigene Geschichte überstülpen…

 

„Wir könnten doch mal wieder nach Malle fliegen, Schatz! Oder nach Miami, weil Miami ein Hotspot ist. Oder nach Bali, weil Nachbar Fred Dürrholz mit seiner Evi dort Urlaub machte“. In Zeiten meiner eigenen Beziehungskisten, in denen meine gereizten Gefühle rasante Achterbahnfahrten hinlegten und ich mir partout einbildete, mein privates Glück schon nur deshalb gefunden zu haben, weil ich wieder in einer Beziehung lebte, zwängte ich mich in knallvolle Billigflieger, liess ich mich auf dem Teutonengrill von Ultraviolettstrahlen verbrennen und pilgerte morgens mit überdrüssigen, prahlerischen Touristen an Sandstrände voller Liegestühle und überfüllte Hotelpools. Abends zog ich mit selber Schar hunderter Urlauber den Rückzug in Restaurants und Bars an, die alle ach-so-schick fanden. Auch meine Beziehung. Und auch ich, weil ich mich ihr fügte, mich ihr anpasste und mein penetrantes Ego mir unentwegt suggerierte, dass ich ohne meine Beziehung und ihren egoistischen Wünschen meinem dauerhaften Unglück geweiht sein würde. Und im Urlaub ohne sie einsam sei.

 

Hier ist nicht Malle. Hier ist ein Haus mit Ecken, Winkeln, Kaminen, langen Tischen, Kerzen und einer Terrasse, die in einen wilden Garten übergeht. Hier ist ein Pool und ein Tennisplatz, der zur Villa gehört. Hier ist Stille. Hier duftet die Provence nach tausend Blumen, Kräutern und Bäumen mehr als nur nach Lavendel. Und hier bin ich Ich selbst. Das Wort „Urlaub“ habe ich schon vor Jahren endgültig aus meinem Wortschatz gestrichen. Das Wort „Beziehung“ auch. Und meine Suche nach dem ewigen Glück ist beendet. Glück ist nämlich nichts anderes als eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die ich selbst für mich treffe. Jeden Tag. Und so habe ich mich entschieden, meine Lebenszeit nicht zu verbringen, sondern zu er-leben. Dort, wo ich zuhause bin, und so wie mir das Leben entspricht.

 

In dieses Haus, das kaum ein Navi im Auto findet und das nur über eine schmale Strasse, die den weiten Blick auf das Rhônetal freigibt, erreicht werden kann, fahre ich, um wochenlang durch Eichenwälder zu spazieren, den Klatschmohn an Steinmauern im Wind zu beobachten; hierher komme ich, um einen weiteren Roman zu schreiben und über das Leben nachzudenken. Hier lese ich dicke Bücher, schwere geistige Kost. Und hier stehe ich jeden Abend auf der ausladenden Terrasse und warte gebannt auf ihren melodischen Einsatz: Beinahe minutengenau, gegen 23:45 Uhr jede Nacht, setzt die Rauschwalbe in der hohen, weitverzweigten Atlaszeder sitzend, mit ihrem Solo ein: ein kurzer, hoher Pfeifton. Pause. Dann ein tieferer Ton, lang gehalten. Pause. Als ob die Schwalbe einen Dirigentenstab im Schnabel trüge, setzen nacheinander mehr als ein Dutzend anderer Nachtvögel, darunter die Singdrossel, zu einem Konzert an, das an Schönheit, Pracht, Tiefe, Höhe und Melodik von keinem Menschen übertroffen werden könnte.

 

Ich entzünde den Kerzenleuchter über dem runden Terrassentisch. Ich brühe Pfefferminztee auf. Mal stehe ich, dann sitze ich im geschwungenen Korbstuhl. Dann lege ich mich auf die ausladende Liege. Ich lausche nur den Vögeln, ihren mannigfaltigen Tönen. Ich schliesse meine Augen. Im Hintergrund entfaltet der leise Südwind, der vom Meer in das grosse Grundstück weht, ein sanftes Musikbett, auf dem sich die unzähligen Laute, Klänge und Texte der Nachtvögel hell klingend ergiessen. Ihnen höre ich zu. Immer intensiver erschliessen sich mir ihre Texte, die vom Leben handeln; jede Nacht neu und immer nuancierter. Sie erzählen sich singend:

 

„Mensch, der du bestehst aus 37 Billionen Zellen, aus Milliarden Neutronen und Protonen und Atomen, Mensch, der du dich in 70.000 Jahren deiner Geschichte zum Homo Sapiens entwickelt hast, der du so intelligent, so erhaben über uns Vögel und alle anderen Tiere bist, Mensch, der du die Welt von einer Epoche in die nächste führtest,-   was hast du denn nur aus deinem eigenen Leben gemacht?“

 

Pause. Dann, in hellem Sopran, setzt kurz vor 2 Uhr morgens endlich die Nachtigall ein:

 

„Mensch, der du dir die Wahrheit deines Lebens nach Formeln ausgelegt hast, der du einst an Gott geglaubt hast, bevor du den Humanismus zu deiner neuen Religion erklärt hast, in dem Gott keine Rolle mehr spielte, Mensch, der du jetzt vom Techno-Humanismus deiner virtuellen Welt angetrieben, in den Dataismus zu kippen drohst, in welchem du neuerdings die Technologie zu Deinem Gott erhebst und dich selbst drohst zu zerstören und den Sapiens auszurotten, - denke doch nach, oh Mensch, drehe doch um, oh Mensch, komme wieder zurück zu dir, du lieber Mensch“.

 

Ich brühe mir einen Kaffee. Ich kehre auf die nächtliche Terrasse des stillen Hauses zurück. Das Vogelkonzert ist tief in mir. Ich entschwebe aller Monologe meines Verstandes, der mich ständig dazu drängt zu hinterfragen, zu vergleichen, zu bewerten. Ich entschwebe meinem Ego, das mich zu Anerkennung und Glück durch andere Menschen zwingt.

Ich rutsche noch tiefer in mich hinein, hin zum Bewusstsein, dem Corp Lumineux, der Quelle meines Lebens. Bis hierhin reichen sie, die Singdrossel, die Nachtigall und Rauchschwalbe. Und hier tief in mir spüre ich deutlich, dass wir Menschen uns jeden Tag aufs Neue unsere eigene Geschichte erzählen, um unserem Leben einen so genannten Sinn zu geben: Wir führen Kriege und Soldaten müssen sterben, und wir sagen uns der Sinn dafür liege im Kampf um das Vaterland. Wir sprengen uns und andere mit Sprengstoffgürtel in die Luft, weil wir nur eine einzige Religion zum Monopol der Welt erheben wollen. Wir verheiraten uns, weil wir nicht alleine sein wollen und sind wir wieder geschieden, war es die Falsche, weil die Richtige erst komme. Am Ende des Tages soll unsere eigene Geschichte immer gut für uns ausgehen. Und so leben wir nicht wirklich uns selbst sondern nur unsere Einbildung vom Glück. Und genau das macht uns immer unglücklicher.

 

Doch worin liegt nun die absolute Botschaft aller Nachtvögel hier in der Provence?

 

Sie wollen uns in ihren Liedern jede Nacht sagen, dass wir gerade in diesem Jahrhundert dabei sind, uns durch die absolute Fokussierung auf Technik und digitale Errungenschaften, wobei es im dritten Jahrtausend um Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit durch Technologie geht, immer mehr selbst verlieren. Und diese Geschichte kann und wird für uns Menschen nicht gut ausgehen.

 

„Komme wieder zurück zu Dir, du lieber Mensch“, singt die Nachtigall. Und mit diesem tierisch-ernsten Appell herrlicher Weisheit möchte ich auch morgen Früh wieder erwachen.