Digitale Demenz!

Ich war eingeladen. Bei einer blondhaarigen Frau mit einem Schmollmund, der ihr die Haltung einer Berufsbeleidigten verlieh.

 

„Komme doch zu uns in unsere Villa Kunterbunt. Bisschen grillen und so. Übrigens: auch mein Sohn Liam-Marek hätte da noch so eine Frage zu irgendeinem französischen Kram.“ Mir schwante nichts Gutes, als ich ihr für diesen Abend im Juni schliesslich zusagte.

 

Die „Villa Kunterbunt“ der Geschiedenen und Alleinerziehenden liegt auf einem Hügel mit Ausblick auf die sechs-spurige Autobahn. Ein Haus mit zwei Etagen und zwei Garagen. Ich überreichte Blumen, die ich rasch am Bahnhof gekauft hatte. „Ey, wie spiessig“, lautete der gutgelaunte Empfang des 17jährigen Liam-Marek beim Anblick der zartgelben Röschen und tiefblauen Kornblumen, die zu einem kleinen Strauss mit einer Kordel zusammengebunden waren.

 

 Ich wurde in ein Wohnzimmer geführt, in dem ein Katzenklo neben einem Wäschekorb stand – „das faule Aupair-Mädchen schafft ihre Arbeit nicht“ – in dem auch ein riesiges Sofa über Eck im Raum stand, auf dem drei Kinder herumlümmelten, jedes ein iPad in der Hand: „Wow, Mom, geil – wir spielen mit einer virtuellen Kalaschnikow Kill me, soldier!“

 

Die blonde Frau arrangierte indes in der offenen und integrierten Wohnküche Teller auf einem Plastiktablett, Streichkäse aus einer Schachtel, Cocktailtomaten und „Saure Zwiebel im Glas“. Dann kam das Aupair-Mädchen hinzu, Irina aus der Ukraine. Sie sah mich nicht, da sie WhatsApp-Nachrichten schrieb. Sie trug einen langen Rock, der über den staubigen Fussboden schleifte. Sie stellte sich in die Ecke am breiten Fenster, blickte dann irgendwann geistesabwesend hoch und nickte mir tatsächlich kurz zum Gruss zu: „Hi“.

 

Irina packte eine Viertelstunde später vier fertig marinierte Riesensteaks aus üppigen Plastikfolien, die auf den Grill sollten, aus. Die drei Kinder, Navid, Noe und Noray kreischten laut vor Freude, da sie einen virtuellen Feind nach dem anderen umnieteten. Die blonde Frau führte mich auf die Terrasse über der Autobahn: „Magst du dem Liam-Marek helfen, - der hat morgen so einen blöden Test in der Schule!“Vorher aber sollte ich den „Grill anwerfen“, also Holzkohle und Grillanzünder bereitstellen und die Kohle zum Glühen bringen. Mir wurde energisch ein Blasbalg in die Hand gedrückt. Während ich mich an die Arbeit machte, berichtete mir der beleidigte Schmollmund im Stehen von seinen desaströsen Beziehungen zu Männern: „Ich kann dir sagen, dieser Typ aus Zermatt ist ein Mama-Bubi. Total abhängig von seiner Ex-Frau. Die Kids können ihn nicht ausstehen.“

 

Die Kohle glimmte in dem verrosteten Grill vor sich hin. Irina lag nun auf dem Sofa über Eck bei den Kindern und ergötzte sich auf ihrem Smartphone an „Rush of Blood“.

 

„Ey, Mann, zeig mir mal dein Smartphone“ forderte mich der schlaksige Liam-Marek auf.

Ich hielt ihm meines aus der Ferne hin, und er brach in Lachsalven aus. Das sei ja ein Modell aus dem Mittelalter, total veraltet dieses Teil, oh Mann, ey!

 

 „Sag dem Onkel mal, was du von ihm für deinen Test morgen brauchst“, war jetzt von der Blonden zu hören, die mittlerweile Leitungswasser in Glaskaraffen abfüllte.

 

Dass die Französisch Lehrerin – „eine echt doofe Kuh“ – die Grundprinzipien französischer Philosophen wissen wolle, da diese vor Jahrhunderten irgendwie wertvolle Beiträge für die Erklärung von Mensch,Universum und der Existenz Gottes erfunden hätten, konnte ich mir aus der unvollständigen Satz-Kryptik des 17-Jährigen, nach und nach erschliessen.

„Und was möchtest du von mir wissen?“ hakte ich vorsichtig nach.

 

„Na, dass du mir sagst wo ich dieses Zeug im Web finde“, lautete die Antwort.

 

Ich war sekundenlang sprachlos. „Hör mal, Liam-Marek…“ und dann setzte ich ihm auseinander, dass er selbst sich mit diesem Gedankengut auseinandersetzen müsse. Er solle selbst recherchieren, dann selbst lesen und zu verstehen versuchen, was ein Voltaire, Diderot, Sartre, Descartes zu den Themen „Glück“, „Gott“ oder „Freiheit“ erdacht hätten. „Diese Philosophen haben sich bedeutende Wahrheiten durch eigenes Denken erschlossen und damit mehr als eine Epoche dieser Welt geprägt und gleichzeitig die Zukunft gestaltet.“

 

„Oh, ey, Mom, wie is’ n der drauf?“ kam von Liam-Marek, der die schwarze Hauskatze am Schwanz festhielt. Dass er für so etwas Uncooles gar nicht zu haben sei, und überhaupt, was heisst hier „selbst denken“? „Und garantiert, Mann – Gott ist längst tot, - Google ist unser Gott!“

 

Dann wurde mir von ihm in einem Kauderwelsch, das sich weder deutsch noch schweizerdeutsch, sondern in Sprache und Syntax osteuropäisch eingefärbt anhörte, erzählt, dass heute gar niemand mehr etwas denken müsse, denn Google liefere alle Antworten auf dieses beschissene Leben und Google würde auch diesen toten Gott ersetzen, weil die dort drüben in den USA unser Leben unsterblich machen wollten. „Die Googles arbeiten mit der Biotec zusammen.“ Er selbst, Liam-Marek also, würde garantiert 500 Jahre alt werden. Punkt.

 

Während sich das Fleisch  auf zu heisser Glut bereits dunkelbraun zu verfärben begann, ereiferte ich mich sichtlich erregt, dass es keinem Menschen etwas nütze uralt zu werden, wenn er aufgrund der fragwürdigen digitalen Errungenschaften des Silicon Valley sowohl seine Leistungsfähigkeit, sein Denken und seine Kritikfähigkeit aufgeben würde, um im Dickicht der Informationsflut die Übersicht zu verlieren: „Wenn die Kassiererin »2 plus 2« mit der Maschine berechnet und nicht merkt, dass das Ergebnis »400« falsch sein muss, oder wenn die NASA einen Satelliten in den Sand beziehungsweise ins endlose All setzt, weil niemandem aufgefallen ist, dass Inches und Meilen nicht dasselbe sind wie Zentimeter und Kilometer, dann sind das Beweise dafür, dass uns das Nicht-Denken durch den digitalen Fortschritt in Tat und Wahrheit ruiniert“, brach es aus mir heraus.

 

Und was Gott betreffe, Freundchen, so solle sich dieser Liam-Marek gründlich die Fragen stellen, ob es nur Zufall oder Fügung sei,  dass er jetzt und hier lebe und ob der Bauplan des Menschen nicht viel mehr göttlich sei, indem er sich von jedem anderen Tier durch sein Bewusstsein unterscheide, gerade weil sein Körper  eben nur eine Anhäufung von Algorithmen abbilde, sein Bewusstsein jedoch der Spiegel und die Urkraft des Universums sei.

 

Liam-Marek blieb nun der Mund offenstehen, dann verschwand er in sein Zimmer, liess die Türe ins Schloss krachen, um sich verdrossen mit den französischen Philosophen herumzuschlagen. Die blonde Frau wirkte jetzt äusserst beleidigt und warf das verkohlte Fleisch vom Grill in den Müll. Die Kinder schnappten sich rasch einen Joghurt aus dem Kühlschrank und ballerten weiter mit Kalaschnikows im virtuellen Raum herum. Ich nahm meinen Mantel und ging zu Fuss zum Bahnhof zurück, wobei mich nur ein Gedanke dorthin begleitete: Wir brauchen Gott in dieser digitalen Zeit mehr denn je zuvor!