Die Wochenend-Knaller!

Friss oder stirb! Oder beides. Haben Sie schon mal Wochenend-Knaller gegessen? Lassen Sie es besser bleiben! Was haben wir nur aus dem Genuss gemacht?

 

Das Schild hängt schief und vor einem Apfelbaum. Dahinter öffnet sich ein quadratischer Parkplatz zu einem Supermarkt hin. Das Schild hängt schon seit Montag: „Wochenend-Knaller“. Dickes Ausrufezeichen!

 

Ich lese, dass Riesen-Schweineschnitzel für den Grill oder die Pfanne nur „eins-fünfzehn“ kosten, je hundert Gramm. Die grellrote Barbecue-Sauce im Kunststoffbecher gibt es hinterhergeworfen, nur „eins-zehn“. Dann noch Weine, Säfte und Brotlaibe für fast nichts. Grosses Ausrufezeichen!

 

Ich gehe bis zur Automatik-Schiebetüre des Supermarktes. Ich blicke auf graue Kisten und hellgelbe Pappkartons, in denen sich Milchtüten und Socken und Blumen und Bandnudeln zu halbhohen Türmen bäumen. Ich sehe dicke und dünne und schwitzende Menschen, die mit nervösem Gesichtsausdruck an fünf Kassen anstehen, die Einkaufswagen randvoll gefüllt mit Hackfleisch in milchige Plastiktüten verpackt, mit lausig wirkenden Moosrosen aus Holland, mit 1000-Gramm Gläsern Aprikosen-Marmelade oder dicker Nusscreme.

 

Kiloweise Wochenend-Knaller schon am Montagmittag.

 

Ich verharre. Mich ergreift leichte Übelkeit. Ich laufe geschwind nachhause. In meiner Küche liegen in einer Glasschale ein Apfel und im Spankörbchen eine Scheibe Brot, zwei Tage alt. Ich packe beides ein. Dann setze ich mich mit meinem spärlichen Proviant in mein geräumiges Auto und fahre an einen Ort, an dem ich bald leben werde: Es ist ein riesiges Feld auf dem Hahnenfuss und Kuckucksblumen, Mohn und Margeriten wachsen. Dort ragt auch eine einzelne Eiche anmutig aus dem Erdreich, hunderte Jahre alt. Dahinter zerfliesst die Landschaft und verschwimmt mit dem Blau eines langen Sees in der Westschweiz.

 

Hier bin ich eins mit dem Himmel und der Erde. Hierher komme ich, um zu träumen, zu denken, im Kopf Artikel, Blogs und Bücher „vor“-zu-schreiben. Hier werde ich bald immer sein, weil hier mein wahres Zuhause ist. Hier duftet es nach gesundem Leben, nach Erde und Blätter und Baumrinden. Hier fliegen Schmetterlinge und Vögel und hier trampeln keine Menschen auf mir oder dem Erdboden herum. Hier ist Schöpfung. Geist. Ruhe.

 

Hier gibt es keine Digitalisierung, keine Agenturen, keine Firmen und keine Chefs die Notfallpläne schreiben anstatt Zukunft zu gestalten. Hierher verirrt sich nur vereinzelt der Homo Sapiens, der seit 70.000 Jahren Menschengeschichte schreibt, der genauso lange gemordet und getötet hat, um seine Macht zu erlangen und seinen Stolz auszuleben.

Der Sapiens kommt hier nur ganz kurz vorbei, um dann in der Stille zu sein, die er kaum ertragen mag.

Er kommt für einige Minuten nur, um den Wind auf der Haut zu spüren, Sonnenstrahlen zu fühlen; er kommt, um sekundenlang zu staunen, was die Schöpfung für unsagbar schöne Naturszenarien hervorbringt.

Dann schliesst er noch ganz kurz die Augen, blinzelt in einen Himmel voller Wolkenformationen, weisslich, rosé, ockergrau, dunkelgerandet, die über dem Feld stehen und auf dem See riesige Schatten werfen.

 

Dann geht er. Fort ist er, weg, um zu suchen, was er sein Leben lang sucht: Liebe, Anerkennung, Freude, Glück bei den anderen Menschen, in Firmen und als An-gestellter, im Urlaub, im Internet. Fort ist er, um irgendwann zu finden, was ihm die Urangst vor seinem herannahenden Tode nehmen soll: Unternehmen wie Google nämlich, die ihm mit einem Armband wie „Deadline“ und Messegräten für Oberarme und Handgelenke voraussagen möchten wie lange er noch sein Glück auf Erden im unsteten Rhythmus  suchen darf, bevor er ins Gras beissen muss, wenn er weiter so lebt wie er schon seit Jahren lebt. Und wenn er sich weiterhin so ernährt wie er immer gegessen hat, nämlich gehetzt, im Stehen und den Rechner im Gehirn aktiviert, um Geld an Lebensmitteln zu sparen, sich vielleicht gar reich zu sparen für ein neues iPhone und eine Skiausrüstung, weil es ja – dem lieben Gott sei auch ab und zu gedankt  - die Wochenend-Knaller gibt. Diese machen uns schnell satt, sie befriedigen unseren Hungertrieb. Dass sie auch die Massentierhaltung fördern, blendet der Sapiens aus. Dass sie  auch zu Arbeitslosigkeit führen, weil die Margen in der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette von Wochenend-Knallern am Ende des Tages gar unter null sinken, bleibt unbedacht. Dass die Preisknaller die Umweltverschmutzung beschleunigen, weil sie Chemie und Plastik und nicht recyclebare Stoffe enthalten, wird mental weggedrückt. Gedanken, die in uns verblasst sind und sich erst als Volkszorn entladen, wenn Tier- und Umweltskandale medial vor unsere Augen treten.

Doch meist  denkt der Homo Sapiens an gar nichts, weil er sich lieber von eigenen und ganz anderen Gedankenmonologen den Tag versauen lässt, nämlich, warum sein Kollege ein Dünnbrettbohrer oder seine Frau ein karrieregeiles Monster geworden ist.

 

Die Menschen tun, was ihnen Ratio, Gedanken und ihr fortwährend lebendiges Gefühl des Egoismus vordiktieren. Sie haben aufgehört, neu zu denken, achtsam mit sich selbst und den Mitmenschen umzugehen. So, wie sie billige Lebensmittel in sich hineinstopfen, um ein paar Franken oder Euro zu sparen, so pressen sie sich auch täglich geistige Magerkost in Form von Facebook, Youtube oder TV-Serien in die Birne. Das Ergebnis ist ein trauriges: Der Mensch verlernt zu geniessen, vergisst mit seinen Sinnen, den Augen, den Ohren, dem Mund, den Händen die Welt zu erfassen, zu berühren, zu erfühlen. Er versucht sich das gesamte Leben mit dem Kopf zu erklären, er versucht an genau das zu glauben, was wissenschaftlich bewiesen sichtbar wird, er will glauben was er vor sich sieht und flüchtig durch Meinungen in seinem medialen Gesellschaftsumfeld mitbekommt.

 

Doch das ist nicht das Leben. Das Leben ist mehr: weiter, höher, tiefer, reicher. Unser Leben ist die Expression unseres Bewusstseins, das mit allem verbunden ist, es ist das Aufsaugen der Gegenwart mit allen Sinnen. Unser Leben bekommt dann Farbe und Glanz und Geschmack, wenn wir die Hetzjagd nach „billig und mehr“, nach „besser und grösser“ und nach „Ich und nur Ich“ aufgeben. Wenn wir all das loslassen und dafür erkennen, dass unsere Seele eigene Wünsche hat, unser Kleines Ich Sehnsüchte hat, die mit dem voran eilenden Wahn eines techno-humanistischen Gesellschaftsleben nichts zu tun hat.  

 

Ich gehe zur alten Eiche. Ich setze mich unter die hohe, weitausladende Krone. Der See kräuselt sein Wasser weit unter mir. Ein Zitronenfalter fliegt auf eine Margerite und kostet die Ruhepause aus.

 

Ich sitze und spüre den Wind und die Sonne. Ich sitze lange und schliesse die Augen. Dann hole ich meine Scheibe trockenes Brot hervor und den Apfel. Ich beisse ab. Ich kaue. Ich kaue und kaue lange. Ich schmecke und rieche Teig und Salz und Gewürze und die süss-säuerliche Frucht des Apfels. Ich schmecke das pure Leben. Es kostet weit weniger als ein Wochenend-Knaller, nämlich nur die Öffnung unserer Sinne und Seele für echtes Empfinden.