Unterhaltung mit einer Birne... - eine Parabel

Er ist ihn oft gegangen, diesen Weg: von seinem Haus geradeaus weiter bis zur Abtei, hoch über dem See gelegen; dann über Steinstufen die Hänge hinunter und durch Weinberge hindurch, bis er schliesslich auf dem Seeweg anlangte. Linker Hand breiten sich hier sanfte Rebhänge aus, in zartes, rot-gelb-ockerbraunes Herbstkleid gehüllt. 

 

Rechter Hand rahmen Ulmen und Pappeln Kiesstrände ein, die jetzt, Mitte November, dick bedeckt mit gelb-orangem Laub sind, an welches in kleinen Wellenschlägen dunkelblaues Seewasser heranschwappt. Er geht diesen Weg meist allein. Dann spricht er mit sich selbst, auch mit den Bäumen und mit dem Schöpfer dieser grossen, weiten Welt. Hierher kommt er auch spät am Abend, um die Unendlichkeit zu fühlen, markiert durch spärliche Gestirne oder imposante Sternenhaufen der Milchstrasse. Ein paar Meter weiter dann stehen, wohl etwas ungeordnet, Obstbäume zwischen dichten Fliedersträuchern, Seegras und Ahorn, herum.

 

Inmitten sanfter Ruhe, die den Spazierenden jetzt wie Watte umhüllt, fällt plötzlich etwas mit einem lauten Plopp vom Baum. Er verharrt. Er lauscht. Er bewegt sich zögernd hin zum Gefallenen. Er sucht in der Dämmerung des Spätnachmittags mit seinen Augen den Boden ab. Da liegt sie, – eine Birne, gross, blank und sauber, voller süssem Saft; ins feuchte Gras und zwischen dunkles Blattwerk war sie gefallen. Er hebt sie auf. Er sieht sie an. Mit dem Zeigefinger streicht er über sie. „Wo kommst du denn her? Hat dich der Bauer tatsächlich vergessen abzuernten?“ fragt er sie.  Die Birne schweigt. Er hält sie in seiner warmen Hand. Er kehrt mit ihr auf den Seeweg zurück. Eine Frau mit Hund kommt ihm entgegen. Er sieht kurz auf den struppigen Hund, dann sieht er zum Himmel und schliesslich blickt er wieder auf die Birne. „Zu viel Obst dieses Jahr, da ist uns die Lust zu ernten wohl vergangen. Da werfen wir lieber alles weg oder lassen dich, du schöne Birne, einfach am Wegesrand verfaulen. Der Mensch ist ein Unmensch.“

 

Er spürt wie sich die Birne in seiner warmen Hand zu regen beginnt. Er hält sie nun am Stil fest und lässt sie vor seinen Augen baumeln. „Jetzt musst du nur noch sagen, dass die Menschen hierzulande uns Früchte wegwerfen oder missachten, während anderswo Leute verhungern, - dann bestehe ich darauf, dass du mich sofort an den Strassenrand zurücklegst“, beginnt die Birne mäckernd das Gespräch. Da ist er doch etwas erstaunt, beinahe irritiert darüber, denn genau diese Gedanken hatte er im Kopf: „Wegwerfgesellschaft, Perfidität dieses Jahrhunderts und Ausdruck einer schrecklichen Oberflächlichkeit und Missachtung! – Und in anderen Ländern würden hungernde Arme diese Birne sehnsüchtig begehren.“

 

„Wie nun, - soll das bedeuten, dass du uns Menschen gar keinen Vorwurf machst, dich vergessend einfach vom Baum plumpsen zu lassen, nur weil sie dir überdrüssig sind?“ fragt er die Birne auf seinem Weg entlang des Sees leicht provokativ. „Würde ich, lieber Spaziergänger, nur daran bewertet werden, welche Verwendung ich in meinem Birnenleben finde, würde das grossartige Prinzip von Wachstum, Gedeihen und Sterben, also unser Schöpfungsgedanke, verachtet werden,“ sprach die Birne. Er hält diese nun in seiner anderen Hand und sieht sie noch erstaunter an. Die Birne ereifert sich weiter: „Ihr Menschen strebt viel zu sehr nach eurer optimalen Verwendung: Bildung und guter Beruf und viel Geld und Ansehen. Ihr vergesst, dass mein Birnenleben und euer Menschenleben gewollt sind, ehrlich gewünscht wurden und unser Leben aus vielen Komponenten besteht. Meine Mutter ist der alte, wunderschöne Birnbaum am See, der nach kalten Wintern im Frühlingswind Blüten ausbildet, welche Bienen bestäuben. Mein Heranwachsen ist ein herrlicher Prozess: im Sonnenlicht und bei Regen reife ich heran und geniesse diese Entwicklung jede Sekunde jedes einzelnen Tages. Entwicklung braucht viel Zeit und viel Geduld.  Diese Entwicklung ist der Weg. Und jeder Weg hat irgendein gutes Ziel. Während meiner Entwicklung frage ich jedoch nie danach, was denn aus mir im Optimalfall werden würde, wenn ich mich denn zu erhabener Grösse und ansehnlicher Pracht entwickelt haben sollte. Ich freue mich einfach zu leben, zu sein und darüber, wenn Spaziergänger meine Mutter, den knorrigen Birnbaum bewundern und die Vielzahl ihrer Früchte bestaunen. Jeder Baum bringt Frucht. Jeder Mensch bringt Frucht, nur allein deswegen schon, weil er da ist und anderen Menschen auf irgendeine Art gut tun wird. Ich weiss von mir, irgendwann werde ich entweder eurem Genuss dienen, oder ich spende euch Menschen meine Vitamine oder ich darf noch viel länger bei meiner Mutter bleiben, bis sie mich selbst abwirft, müde geworden, mich noch länger zu tragen, um somit wieder in den Schöpfungskreislauf, der immer aus Wachstum und Tod besteht, einzukehren.“

 

Er war stehen geblieben und hatte der Birne intensiv zugehört. Dann sprach er zur Birne: „Deine Weisheit hat mich wahrlich sehr berührt. Ich bringe dich jetzt zu mir nachhause. Ich lege dich dann in einen bunt bemalten Obstkorb, wo wir beide noch Zeit miteinander verbringen können.“ Die Birne lächelte, als er sie zuhause liebevoll in seinen Korb zu den Mandarinen und Äpfeln gelegt hatte.

„Unser menschliches Leben ist viel mehr als das Streben um unseren Verwendungszweck. Wie sind gut, so wie wir sind. Es ist in jedem Fall wichtig und ein grosses Geschenk, dass wir hier auf Erden sein dürfen.  Jeden Tag sollten wir voller Freude sein, uns weiter entwickeln zu können. Und sei es nur, um uns selbst richtig glücklich und vielleicht noch einen einzigen anderen Menschen auch ein wenig glücklich zu machen. Bereits dann ist der Sinn der Schöpfung, dieser liebevolle Kreislauf von Wachsen, Gedeihen und Sterben, erfüllt.“  So also denkt er, als er an diesem Abend zu Bett geht, während er seiner Birne im bunten Obstkorb noch ein leises „danke“ zuflüsterte.