Der Pausengott

Unsere Zeit stirbt an ihren Problemen. Aber, halt! – Gibt es da nicht irgendwo ganz weit oben im Himmel so einen Mann mit Rauschebart und gütigen Augen, den wir schnell anflehen können, wenn wir keinen Ausweg mehr aus unserer Sackgasse des Elends wissen? An was wir auch glauben mögen, unser Glaube sollte unsere Herzensangelegenheit sein. Oder etwa doch nicht…?

 

 

Marlies Maier ist eine rechtschaffene Frau. Sie wird von ihrer Nachbarin, Federica Cartacci-Prem, bewundert, weil sie einen Job im Vorzimmer eines Chefs hat. Sie wird von dem Herrn Pfarrer angelächelt, weil sie jeden Sonntag schon zehn Minuten vor dem Gottesdienst im hochpreisigen Sonntagsgewand vor der Kirchenbank niederkniet: Ihr frommer Blick gilt zwar nicht dem Gekreuzigten, dafür aber diesem Halsabschneider, Günter Wiesbold, Bauunternehmer und Architekt in einer Person und ein gewissenloser Unternehmer, der sich an seinen eigenen Bausünden gesund stösst. Dieser hatte kurz nach Marlies die Kirche betreten; sein gesenkter Blick galt indes dem Fliesenboden der Augustinerkirche: „Der müsste dringend erneuert werden“, murmelte er und Günter beschloss sogleich und nach den 75 Minuten langweiliger Predigt und langatmiger Kommunionfeier, mit seinem Herrn Pfarrer über das zeitnahe Herausreissen des Kirchenbodens zu sprechen.

 

Marlies ist stets eine höfliche Frau. Sie ist höflich, wenn sie ihren Mann darum bittet, mit ihr nach Feuerland zu reisen. Sie ist höflich, wenn sie alles, aber auch wirklich alles, für ihren Chef tut, solange er sie mit Boni und geldwerten Vorteilen bedenkt. Sie ist auch höflich zu ihren Kollegen, jedoch nur solange, bis sie mit ihrer engsten Freundin, Frau Julia Hittigger, im Café zusammensitzt: bei Cappuccino und Sahnetorte zerreisst sie dann ihr verhasstes Team verbal in Stücke: „Und überhaupt, dieser dümmliche Marco am Schreibtisch gegenüber, - der hat sich garantiert seine Haare gefärbt, sag‘ ich dir! Männer, die sich die Haare färben, sind ja so…“

 

Marlies Maier stemmt ihr Leben seit 49 Jahren: Sie ist ehrgeizig und darauf aus, überall und bei jedem beliebt zu sein. Sie zeigt jedoch ihre scharfen Schneidezähne, wenn sich ihr jemand in den Weg stellt. Und sie weiss genau, wie sie mit ihrem gutmütigen Mann zu einem beachtlichen Haufen Geld, zu vier Reisen pro Jahr, einem ansehnlichen Haus auf einem Hügel gelegen, einem Ferienhaus im Maggia-Tal des Tessins und zu einer dicken Altersversorgung kommt.

 

Marlies Maier hat alles. Eigentlich. Denn da gibt es doch diese vagen, leise quälenden Momente in ihrem Leben, in denen sie Zweifel hegt: „Bin ich glücklich?“ fragt sie sich dann, wenn sie kurz nach dem Erwachen am Morgen in ihrem Boxspringbett ihr Smartphone auf Hacker, Spam und Mails checkt und dabei einen Espresso aus dem Vollautomaten hinunterstürzt. „Habe ich echte Freunde, oder sind sie allesamt nur ausgefuchste Gutwetter-Freunde, manische Egoisten und brutale Trittbrettfahrer?“ In genau solchen Momenten ihrer wichtigsten Lebensfragen, oder in jenen egoschürfenden Augenblicken , wenn sie die Vergänglichkeit der Zeit in ihrem abgearbeiteten Spiegelbild im Badezimmer lesen kann und sich dabei trotzig vier graue Haare ausreisst, dann, ja dann besinnt sich Marlies auf ihren Sonntagsgott, den lieben Gott ihrer Kindertage, den Gott, dem sie in manch mühsam erkämpfter Lebenspause rasch dankte. Und so fragt sie dann in bekümmerter Laune den lieben Vater im Himmel skeptisch: „Gott“, so setzt sie an, „Gott, wenn es dich wirklich gibt und du nicht nur ein Mythos dieses frivolen Herrn Pfarrer bist oder das Werk begnadeter und gutverdienender Bildhauer über den Altären vieler Kirchen abbildest, dann hilf mir jetzt. Sofort, hörst du? Mach es möglich, dass ich endlich einen echten Freund finde. Nein, nicht diesen Waschlappen von Ehemann, der mich vor x-Jahren vor einen deiner Altäre schleifte. Auch nicht solche mutlosen und geldgierige Menschen wie diese Cartacci-Prem und auch nicht so eine neugierige Person, wie diese Hittigger. Nein, Gott, schicke mir so einen richtigen Freund, der mich nimmt wie ich eben bin, ohne dass ich mich selbst viel ändern muss. Der mich wärmt und sexuell beglückt, weil er mich trotzt tiefer Nasolabialfalten, Krähenfüsse und Orangenhaut ordentlich liebt. Schick‘ mir einfach die pure, reine und auch erotische Liebe, Gott.“

 

Nachdem sich Marlies also die pure Liebe von einem Ungefähr-Wesen erbeten hat, einem schemenhaft skizzierten Vater im Himmel, der – so bekräftigt es der Pfarrer in seinen langweiligen Endlospredigten jedenfalls – ein liebender Gott sein soll,  geht Marlies mit leise pochendem Kummer in der Seele und doch erhobenen Hauptes zum turbulenten Alltagsgeschäft über: Das Leben überall und für alle Eventualitäten absichern, Konkurrenten ausstechen, Vorteile sichern, Geld scheffeln und die miesepetrige Gesellschaft lautstark in die Pfanne hauen.

 

Die zarten Worte Gottes jedoch, der ihr nach mehr als einem halben, irgendwie verbachten Leben und nach ihren unzähligen Ausbrüchen dieser Art, immer noch mit Wohlwollen und ermutigender Inspiration dienen möchte, konnte Marlies im Tumult ihres lauten 24-Hour-Fights gar nicht vernehmen. Er hatte zu ihr, beinahe unhörbar leise und doch eindringlich und liebevoll, gesagt:

„Unsere Zeit stirbt an ihren Problemen. An ihrer Unmenschlichkeit. Unzählige Menschen ersticken an ihr. Wer nichts vor sich sieht als seine Probleme, als Konkurrenten und Feinde, wird nicht zum Leben kommen. Grübeln und Diskutieren und Kritisieren machen nicht frei. Wer sich einmauert, wer Türen und Fenster schliesst, durch den wird nichts hindurchgehen. Er wird Gott nicht zu Gesicht bekommen, auch wenn Gott dicht vor seiner Tür vorbeigeht.“

 

So hatte Gott zu Marlies gesprochen. Doch Marlies hatte Gott weder gehört noch an ihr vorbeigehen gesehen. Sie hatte aber jemand anderen an ihr vorübergehen gesehen und sie hatte seinen schelmischen Pfiff durch seine Lippen gehört, der ihr gelten musste: Jeff, den gutaussehenden, durchtrainierten Amerikaner mit seinen dunklen Haaren, gebräunter Haut und den vier Tattoos am Oberarm.

 

„Ha, danke lieber Gott, dass du mir so schnell deine Antwort auf meine Bitte auf dem Silbertablett servierst“, hörte man Marlies noch sagen. Dann fuhr sie sich mit den Händen durchs Haar und wackelte lächelnd noch ein bisschen mit ihrem Po.