Gebrochene Herzen…

Er erreichte mich, als ich unter einer grossen, geschwungenen Laterne stand und auf den Bus wartete.

Er war Comedian. Er war eine öffentliche Figur, die keine Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre mehr ausmachen konnte. Er war viel. Er hatte Ruhm. Er war stolz. Er hatte Geld. Er hatte Karriere gemacht, bewundert von Millionen.

 

Heute ist er für die Öffentlichkeit nicht mehr viel, innerlich jedoch ist er ein anderer Mensch geworden; ein ansehnlicher Autor, ein Zurückgezogener, ein Betrogener, ein Enttäuschter, ein ab-und-zu-Gottgläubiger, ein Hoffnungsfroher. „Kannst du mal was ganz Besonderes schreiben, Christian, etwas zu den Gebrechen des Menschen? Und wie er sein Gebrochensein in sein Leben integrieren kann, ohne daran wirklich zu zerbrechen?“ fragte er mich am Telefon. Ich stieg in den Bus und versprach, ihm einen Brief zu schreiben.

 

Mit seinem Einverständnis sende ich heute diesen Brief an Dich und einige andere Menschen, denn auch Du bist ein gebrochener Mensch, wir alle sind gebrochene Menschen. Vielleicht hilft Dir das, was mir zu unseren gebrochenen Leben einfiel.

 

Lieber Freund,

Als wir uns das erste Mal begegnet sind, haben wir schon darüber gesprochen, dass wir gebrochene Menschen sind. Du hattest deine Karriere vor den TV-Kameras beendet und du fragtest mich, was ich denn so aus meinem Leben machen würde. Ich erzählte dir von meinen beruflichen Sackgassen, in denen ich unglücklich feststeckte. Ich berichtete dir von beruflichen Wunschträumen und herrlichen, privaten Daseinszuständen mit einem Freund, einem Hund, einem Steinhaus am Meer, die ich mir ausgemalt hatte und die aus meinem eigenen Leid heraus geboren worden sind. Du erzähltest mir von deiner Kindheit ohne Mutter, von dem glanzvollen Wunsch die Weltbühnen zu erobern und von einer daraus erwachsenen Realität deiner Karriere, die deinen öffentlichen Glanz in dunkle, persönliche Schatten der Angst vor dem eigenen Versagen, der Ablehnung, der Ausnutzung durch andere, der Pseudo-Freundschaften und des Erfolgsdrucks verwandelt hatte. Je öfter wir miteinander sprachen, desto deutlicher kam uns zu Bewusstsein wie gebrochen das Leben eines jeden von uns ist.

 

Wir erfahren unsere Gebrochenheit immer als etwas höchst Persönliches, Intimes und Einmaliges. Unsere Gebrochenheit gehört ganz uns selber. Niemandem sonst. Die Art, wie wir gebrochen sind, ist im gleichen Mass ein Ausdruck unseres individuellen Wesens. Zweifellos leiden viele Menschen an körperlichen und geistigen Gebrechen. Aber das Leiden, welches mir am meisten in die Augen fällt, ist das alltägliche Leiden an gebrochenem Herzen. Das unsägliche Leid zerbrochener Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Liebenden, das Scheitern von Freundschaften, der Zwist unter Kollegen. Wir entfachen Leid, obwohl wir doch alle den glänzenden Kern der Liebe in uns tragen. Wir leiden, weil wir uns abgelehnt, verkannt, verachtet, betrogen und alleingelassen fühlen. Dieses schmerzvolle Leid entfacht in uns Stürme der Unbarmherzigkeit, der Wut, des Zorns, oder der Depression und Lethargie, die uns gar nichts mehr fühlen lassen. Unsere Gebrochenheit erfahren wir am offensichtlichsten und am schmerzlichsten hinsichtlich unserer Sexualität. Mein eigenes Ringen um sie offenbarte mir ein grosses Eingeständnis:

Unsere Sexualität oder die fehlende Sexualität ist ausschlaggebend dafür, was wir von uns selber denken und halten. Unsere Sexualität ist ein Zeichen dafür, dass wir uns ungeheuer nach Kommunion mit jemand anderem sehnen. Die Bedürfnisse unseres Körpers – das Bedürfnis, berührt, in den Arm genommen und von jemandem zuverlässig festgehalten zu werden – gehören zu den tiefsten Sehnsüchten des Herzens und sind sehr konkrete Zeichen unseres Suchens nach Einswerden. Und ich selbst machte die Erfahrung, lieber Freund, dass meine grössten Ängste genau um dieses Urbedürfnisse nach Kommunion kreisen. Unsere Gesellschaft ist so zerstückelt, unsere Familien sind aufgrund räumlicher und emotionaler Entfernungen so zersplittert, unsere Freundschaften sind so sporadisch, unsere Augenblicke der Nähe so verstellt von äusseren Umständen und auch so zweckbedingt, dass es nur sehr wenige Orte gibt, an denen wir uns wirklich zuverlässig geborgen fühlen können. Ich selbst spüre, wie sehr ich oft angespannt und vor Menschen und Nähe auf der Hut bin, jedoch bin ich nie wirklich daheim angekommen.

Wenn ich beobachte wie wir heute leben, in welchen Wohnghettos, an welchen überfüllten Urlaubsorten wir Zeit verbringen, was uns das trügerische und tückische Konsumparadies Cyberspace vermittelt, wie brutal wir mit Umwelt und Natur und Tieren umgehen, um noch mehr Wirtschaftlichkeit auf Kosten des eigenen Lebens zu generieren, dann wundert es mich nicht, dass mein Körper nach einer heilenden Berührung und einer bergenden Umarmung schreit. Wenn alles was uns umgibt, unsere Sinne überreizt und überstrapaziert, und wenn alles, was man uns zur Erfüllung unserer tieferen Bedürfnisse anbietet, mehr oder weniger im Gewand der Verführung daher kommt, ist es kein Wunder, dass uns verrückte Fantasien peinigen, uns wilde Träume und verwirrende Gefühle auf Abwege führen.

 

Du fragst mich, wie wir unser Gebrochensein, unsere vernarbten Herzen in unser Leben integrieren können, ohne daran zu zerbrechen? Ich sage dazu, laufe nicht vor ihm weg, stelle dich ihm. Blicke in dein von Schmerz geätztes Gesicht. Lass dir von niemandem sagen, „alles sei nicht so schlimm“ oder

„du schaffst das schon“.

 

Der Weg zur Heilung, glaube mir das aufgrund eigener Erfahrung, liegt darin sich dem Schmerz zu stellen und ihn zu durchleben. Ich weiss es, lieber Freund, das allergrösste Geheimnis dieses irdischen Lebens liegt in der Tatsache begriffen, dass mich hinter dem Schmerz der Friede, hinter dem Tod das Leben und hinter der Angst die Liebe erwartet. Es ist eine tiefe Wahrheit, dass das menschliche Leid nicht der Freude und dem Frieden, wonach wir uns sehnen, im Weg stehen muss, sondern dass es gerade der Weg dazu werden kann. Das grosse Geheimnis des Lebens liegt in der Hinwendung zum geistlichen Leben, des Lebens aus der Kommunion, des Lebens als geliebte Söhne und Töchter Gottes. Wir werden unsagbar geliebt, bedingungslos und so, wie jeder von uns eben ist.  Alles was uns beschieden ist, ob Freude oder Traurigkeit, ob Wohlsein oder Schmerz, Krankheit oder Gesundheit ist ein Wegstück unserer Reise in die volle Verwirklichung unseres Menschseins. Nimm das Leid an als Tor zur Freude. Gehe einen anderen Weg als den, dein Gebrochensein als Ausdruck oder Bestätigung eines Fluches zu verstehen, der dir dein Selbstwertgefühl nimmt. Steh auf, wenn du die Hoffnung aufgegeben hast, steh auf, wenn dich der Schmerz übermannt, steh auf, wenn du verkannt und verachtet wirst. Glaube daran, Gott hält für dich tatsächlich unverhofftes Glück bereit. Öffne diese schwere Tür, gehe durchs dunkle Leid hindurch und wisse, - du bist ein geliebter und gesegneter Mensch….