Mein Freund Jeshua!

Über Jahrtausende suchten die Menschen Gott. Wer ist Er – eine a-personale Kraft, ein strafender Geist des Himmels, ein Freund und Helfer in meiner Not? Genauso alt wie die Suche nach Ihm ist, ist menschliches Leben, das nach Liebe, Glück, Ordnung und Erfüllung strebt.

 

Doch negative Gedanken und Gefühle des Menschen, wie Traurigkeit, Angst, Wut, Neid oder Langeweile sperren ihn oft lebenslang in ein beklemmendes Korsett. Unser Leben verkörpert dann kein Opus Vivendi mehr sondern nur ein stilles Martyrium. Auch ich litt – bis ich den kleinen Jeshua traf.

 

„Selig ist wer nicht sieht und glaubt“ - ich sitze vor dem Laptop und habe diesen Satz soeben getippt. Es ist der erste Satz meines neuen Romans, mit dem Titel „Ego Sum“. Dass ich diesen Satz schreibe, dass ich ihn einem grossen Gesellschaftsepos voranstelle, ist das Ergebnis eines halben Jahrhunderts meines eigenen Lebens auf diesem kleinen Planeten am äussersten Rand unserer Galaxie, der Milchstrasse. Dieser erste Satz im neuen Roman ist auch das Ergebnis von eigenem Leid, von Lügen, von Hoffnung und meiner langen Suche. Der Suche nach Halt, nach Wahrheit, nach Sinn und Glück, nach Freude. Nach Freiheit. Nach einem echten Freund. Immer hatte in meinem Leben etwas gefehlt, irgendetwas, das mir kein einziger Mensch geben konnte. Auch kein Arbeitsplatz, kein Gehalt, kein Urlaub, kein Luxus konnten mir geben was mir fehlte und ich mir wünschte. Doch was war es genau?

 

Irgendwann begann ich Gott zu suchen. Ich las die Bibel, nicht alles, zunächst nur das Neue Testament. Ich verstand wohl nur die Hälfte der Gleichnisse und Metaphern. Ich betete Psalmen. Ich liess mir den Koran in Marokko übersetzen. Ich las spirituelle Literatur. Ich begann zu meditieren. Ich beschäftigte mich mit den Weltreligionen. Der Kirche. Ich fing andererseits an zu begreifen, wie die Wissenschaften den Ursprung der Erde, die Galaxien, die Evolution des Menschen erklären. Ich verglich diese Ergebnisse mit den Aussagen der Religionen, jenen des Hinduismus, Buddhismus, des Christentums, des Islam und Judentums. Ich las weiter, denn mein Durst nach Wissen, warum ich hier und genau jetzt hier lebe, ob das Irdische nur Zufall oder ein hochkarätiger Plan ist, einen Anfang und damit auch ein Ende haben würde, war noch lange nicht gestillt. Ich las am Tag, ich las in Eisenbahnen, in Flugzeugen, ich las nachts im Bett, und während der Arbeit am Schreibtisch. Und ich begann in leeren Kirchen, dann wenn kein Gottesdienst, kein Dogma, keine Scheinheiligkeit mich von mir selbst ablenkten, mit dem, der am Kreuz mit einer Dornenkrone hängt, wohl ziemlich naiv zu sprechen: „Jesus, wer bist du wirklich? Warum wurdest du von den Hohepriestern so brutal ans Kreuz geschlagen? Bist du wirklich für uns Menschen gestorben? Bist du tatsächlich der Sohn Gottes? Wirklich? Kannst du, lieber Jesus, mich, den Christian, der hier auf der Holzbank hockt und die Hände faltet, denn verstehen? Meine Sünden, meine Lügen, meine Verirrungen, - kannst du sie nachvollziehen? – Kannst du mir sagen, warum ich mich selbst oft nicht mag und von anderen Menschen so oft nicht gesehen, geschweige denn geliebt werde?“

 

So begann ich zu sprechen, mit Jesus, den ich in düsteren Kapellen und vergoldeten Barockkirchen, in armseligen Jesuitenklöstern, in steinernen Gotischen Kirchen in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich, in Rom und Florenz und Venedig und in Spanien oder in Amerika, am Kreuz hängen sah. Und irgendwann, in einem recht unbedeutenden Augenblick in einer riesigen Bücherei Zürichs, fand ich ihn, - Jeshua. Den kleinen Jesus, der auf Hebräisch „Jeshua“ heisst. Ich fand ihn in einem Buch mit verknittertem, grün-goldenem Umschlag. Auf 432 Seiten erschien mir das Kind Jesus. Der kleine Jesus im Alter von sieben bis 12 Jahren. Ich begann noch vor Ort, im Wind eines Bodenventilators stehend, die ersten Seiten zu lesen. Ich begann mich sehr schnell in den kleinen Buben emotional zu verlieben. Jesus ist ein Mensch, ein Kind, der mit Gott erstmal gar nichts zu tun hat. Jeshua wurde immer mehr zur Figur, die ich erfahren, ergründen wollte und die mich – weit über die Buchbände von Anne Rice oder die Werke von Josh MC Dowel hinaus – so bewegte.

 

Der kleine Jesus lebte mit seiner empfindsamen Mutter und seinem Vater, den er nie Vater nennen durfte sondern Josef, in Alexandria, Ägypten. Ich sehe ihn vor mir, wie er die Hand seines älteren Bruders, Jakob, ergreifen wollte, als er Streit mit seinem Spielkameraden Eleasar hatte. Doch Jakob ergriff sie nicht, denn er wusste viel mehr als Jesus selbst: Jene Geburtsnacht in Bethlehem, die Weisen, die seinen Eltern erschienen waren, der Stern und das Licht, die Prophezeiungen, - Jakob war voller Neid und Missgunst seinem jüngeren Bruder gegenüber, da er als ein „königliches Kind“ galt, was er diesem erst Jahre später vor dem grossen Tempel Jerusalems unter Tränen gestanden hatte.

Ich sehe den kleinen Jesus vor meinem geistigen Auge bei dem Gelehrten Philon sitzen, der ihn stets von seinem armseligen Zuhause in einer staubigen Strasse Alexandrias in eine riesige Bücherei seiner prächtigen Stadtvilla mitnahm, ihn über Gott und Mensch unterrichtete, in Aramäisch und Griechisch. Jeshua war Jude, er sprach viele Jahre vor allem nur Griechisch. Und ob Jesus jemals zum Christentum konvertierte, ist weder bekannt noch wichtig. Für Jesus selbst scheint diese Frage, über alles was ich von ihm weiss,  eher unwichtig zu sein.

 

Und dann, als die nicht gemochten Aussenseiter aus dem Heiligen Land, Maria, Josef, Jakob, Jeshua, der Onkel Kleopas, Tante Salome und Onkel Alphäus entschieden, in ihr Land, nach Nazareth zurückzukehren, begann für den kleinen Jesus eine Reise die alle Facetten der menschlichen Boshaftigkeit, menschlicher Abgründe bereit hielt. Die Rückkehr ins Heilige Land führte zunächst nach Jerusalem. Wie Jesus staunend und mit offenem Mund vor dem Tempel stand, wie er sich riesig darauf freute dort mit seiner Familie eintreten zu dürfen und was er dann erleben musste: das grösste Attentat seit jeher während seines Tempelbesuchs zum Paschafest. Soldaten töteten in diesem Tempel auf bestialische Art und Weise tausende Juden und Galiläer. Jeshua wurde Zeuge, schrie, weinte, rannte fort.

Der kleine Jesus wurde in seinen jüngsten Jahren mit dem Tod, dem Hass, mit grausamsten Morden und menschenverachtenden Massakern konfrontiert. Wie oft suchte er heimlich Schutz bei seiner Mutter Maria, wie oft beugte diese sich mit ihren „sanften Augen“ zu ihm, weinend, und doch immer wieder Kraft schöpfend: Gott der Herr würde über sie wachen!

Jeshua hatte oft und heftige Angst. Dann beispielsweise, als er in Nazareth mit seiner grossen Familie eintraf, als Soldaten den Aufstand in Sepphoris niedergeschlagen hatten, die Anführer dessen nach Nazareth kamen und auch das armselige Häuschen, indem der kleine Jesus mit seiner Familie wohnte, abbrennen und die Bewohnen Nazareths allesamt exekutieren wollten.

 

Der kleinen Jesus ist erstmal lange überhaupt kein Gott sondern nur ein Kind, ein Mensch, das sich nach Frieden und Freunden sehnte und nach Schutz und Geborgenheit bei seiner Familie. Er fand meist nicht was er als Mensch suchte, zog sich dann alleine in die Natur zurück, übernachtete bei einer Baumgruppe, „um die das Gras dicht und weich war“ und sah stundenlang in den Sternenhimmel.

Die Geschichten um seine eigene Person liessen ihn jedoch nicht ruhen. Er wollte die Wahrheit herausfinden, die ihm seine eigene Familie so viele Jahre vorenthielt. „Was geschah in der Nacht meiner Geburt? Wer bin ich wirklich? Warum bin ich auf diese Erde, muss leiden und spüre doch immer wieder eine unendliche Kraft in mir, eine unendliche Liebe zum Leben, das mehr wert sein muss als das Stück verbrannter und blutdurchtränkter Erde in diesem Land!“

Und irgendwann offenbarte ihm ein Rabbi aus Jerusalem jene bedeutende Wahrheit: „Das Kind, das vor acht Jahren in Bethlehem geboren wurde, sollte zum König der Juden erkoren werden. Dem Herrscher und selbst ernannten König Herodes war dies so ein Greul, dass er beschlossen hatte alle Kleinkinder umbringen zu lassen.“ Der kleine Jeshua war diesem Massaker jedoch entkommen. Der König der Juden lebte, – und niemand ausser seiner Familie wusste es.

 

Das unendliche Schluchzen des kleinen Jesus ob dieser Wahrheit kann ich heute noch hören und in meiner eigenen Seele fühlen. Und ich brauchte weiterhin lange Zeit und bedurfte abertausender Seiten Lektüre, um irgendwann auf die eine grosse Botschaft des Jesus, als er erst neun Jahre jung war, zu stossen. Zu seiner geliebten Salome sagte er einst auf dem Gipfel des Ölbergs: „Ich habe die Wahrheit erkannt. Wir sind hier um zu leben und zu sterben. Wir leben hier, haben Durst, erleben Feindschaft, Leid und Krankheit, um uns nur daran zu erinnern was wir vergessen haben. In uns selbst wohnt der Geist Gottes, der uns ewiger Freund ist, der uns liebt und zu liebenden Wesen macht, - weit über dieses Leben auf Erden hinaus. Es ist das Bewusstsein Gottes, das wie ein Feuer in uns selbst lodert, uns die starke Kraft und unendliche Weisheit gibt hier auf Erden alles zu erreichen was uns wirklich und auf allen Ebenen reich macht, uns Glück und Freude schenkt. Das Wissen um die Unsterblichkeit unserer Seele, die der Gott in uns selbst ist, ist der Motor der Liebe, der ein Universum und all die vielen Menschen auf dem kleinen Planeten Erde zusammenhält“.

 

An dem Tag in der Bücherei, als der kleine Jesus in mein eigenes Leben einzog, wendete sich alles, was ich glaubte vom Leben und dem Menschen und dieser Erde zu wissen. Der kleine Jesus hat einen grossen Raum in meinem bescheidenen Leben eingenommen. Ich weiss, er versteht mich, meine Unvollkommenheit die zur Vollkommenheit wird, weil in mir das Feuer ewiger Liebe brennt, das mich wach, gesund und am Leben hält und das gleichzeitig ein unfassbares Universum mit 146 Milliarden Galaxien zusammenhält. Die Besinnung auf den kleinen Jesus, sein schweres Kinderleben auf dieser, unserer Erde, seinen grausamen Tod an einem Holzkreuz, welcher der Befreiung der uns innewohnenden Liebe für mich selbst und alle Menschen auf dieser Welt gilt, lässt mich heute anders leben: bewusster, achtsamer und im Trost, dass Er mich und dich und uns alle versteht und uns jetzt begleiten und nach unserem Tod empfangen will. Dies sollte unser Credo des Lebens sein und ebenso das Credo aller Religionen und Kirchen dieser Erde.